Brigitte wurde als Teenager mehrfach vergewaltigt

Vorarlberg / 08.07.2019 • 18:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Hinter Brigitte liegt ein Leben voller Pflichten. Als Teenagerin erlitt sie ein Trauma. KUM

Brigitte wurde als Teenager vom Freund ihrer Mutter mehrfach vergewaltigt. Später zog sie zwei gehandicapte Kinder groß.

Schwarzach Brigitte* (61) hadert mit dem Herrgott. Jeden Tag fragt sie ihn: „Warum hast du so ein furchtbares Leben für mich ausgesucht?“ Brigitte verlor ihren Vater, als sie zwei Jahre alt war. Die Mutter empfand sie als herzlos und gefühlskalt. „Sie hat mich nie liebkost, nie in den Arm genommen.“ Von ihren Geschwistern sagt sie: „Sie haben mich nicht verstanden. Ich war für sie ein Störfaktor.“ Brigitte war das schwarze Schaf der Familie. Von klein an fühlte sie sich ausgegrenzt.

Trotz Trauma Matura bestanden

Niemand kam ihr zur Hilfe, als der Freund ihrer Mutter übergriffig wurde. „Er gab mir einen Zungenkuss. Da ging ich noch in die Hauptschule.“ Das war der Auftakt zu noch viel Schlimmerem. „Er kannte meinen Stundenplan und holte mich von der Schule ab. Dann hat er mich zu Hause vergewaltigt. Er wusste, wann meine Mutter nicht daheim war.“ Eineinhalb Jahre wurde die Gymnasiastin sexuell missbraucht. Die Übergriffe hörten erst auf, als sie sich ihrer Mutter anvertraute. „Mama hat mich aber als Lügnerin hingestellt und sich nicht von dem Mann getrennt.“

„Meine Kinder und ich haben lange von der Sozialhilfe gelebt.“

Brigitte, Mutter zweier gehandicapter Kinder

Trotz des erlittenen Traumas bestand Brigitte die Matura. Danach ließ sie sich zur Lehrerin ausbilden. Mit 28 Jahren heiratete Brigitte. „Mein Ehemann war gewalttätig und bedrohte mich mit einer Pistole.“ Nach drei Jahren trennte sich Brigitte vom Vater ihrer zwei Töchter. Jetzt musste sie sich und ihre gehandicapten Kinder alleine durchbringen. „Die jüngere Tochter ist geistig behindert, die ältere leidet an einer Persönlichkeitsstörung mit Asperger-Syndrom. Da kam man aber erst drauf, als sie über 20 war.“ Die Kinder benötigten ihre ganze Fürsorge. Deshalb konnte die Mutter mehrere Jahre nicht arbeiten gehen. „Wir haben lange von der Sozialhilfe gelebt.“

Jahrelang musste Brigitte jeden Cent zweimal umdrehen. „Ich habe immer auf alles verzichtet, den Kindern zuliebe. Ordentliche Kleidung oder ein Kaffeehaus-Besuch waren nicht drinnen.“ Auch heute noch ist bei ihr das Geld knapp, obwohl sie mittlerweile wieder arbeiten geht. „Ich spare beim Essen und ernähre mich hauptsächlich von Salzstangen, Joghurt und Früchten. Einmal in der Woche gönne ich mir beim Interspar ein Menü zum halben Preis.“ Es sei eine Katastrophe, nie genug Geld zu haben. „Das ist furchtbar.“

Nur auf Berggipfeln frei

Mit ihren behinderten Kindern war die Alleinerzieherin oft überfordert. „Ich war oft an der Grenze und dachte mehrmals, dass ich das Leben nicht mehr bewältigen kann.“ Aber Brigitte fand für sich Kraftquellen. „Ich liebe es zu handarbeiten und gehe gerne Rad fahren und bergsteigen.“ Auf Berggipfeln überkommen sie immer Glücksgefühle. „Da spüre ich die Freiheit, die ich nie hatte und die ich mein ganzes Leben vermisst habe. Durch die vielen Pflichten habe ich mich wie eingesperrt gefühlt.“

Rückblickend ist sie überzeugt: „Ohne Unterstützung von Therapeuten und Ärzten hätte ich vieles nicht geschafft.“ Als ihr ein Psychologe vor Jahren sagte, dass die Vergewaltigungen nicht ihre Schuld gewesen seien, war das sehr befreiend für sie. „Man hatte mir eingeredet, dass ich schuld bin.“ Heute ist der Missbrauch kein Thema mehr für sie. Freilich: „Die Bilder sind nach wie vor im Kopf. Aber ich habe gelernt, damit zu leben.“

Die Mutter zweier gehandicapter Kinder hofft, dass der Herrgott ihr nach all den schwierigen und aufopferungsvollen Jahren noch ein paar schöne Lebensjahre schenkt. Auf ihren Tod hat sie sich aber schon vorbereitet. „Ich habe meine Todesanzeige selber gestaltet.“ Darin soll es heißen: „Ein Leben, das kein Leben war, ging zu Ende. Ich durfte kein eigenes Leben haben, ich wurde gelebt.“ Brigitte wünscht sich, dass ihre Asche einmal auf einem Gebirgsgrat verstreut wird.

*Name von der Redaktion geändert