Thomas Matt

Kommentar

Thomas Matt

Das Ich deckt alles zu

09.07.2019 • 16:43 Uhr / 2 Minuten Lesezeit

Früher luden Reisende hernach zum Essen ein. Die Hausfrau schob den Braten in den Ofen, ihr Gatte befüllte nicht minder lustvoll die Magazine des Diaprojektors.

Wahre Kenner solcher Abende steuerten den Ohrensessel an der Bücherwand an. Sein Beistelltisch bot den tröstenden Rotwein dar, die ganze Ecke des Wohnzimmers versank im schlummernden Halbdunkel … und mit etwas Glück die ganze Strecke von Pisa bis Florenz.

Aber das ist vorbei. Es gibt keinen Braten mehr und keinen Rotwein, der Ohrensessel steht am Dachboden und die Dias von einst, die uns als unmäßig viele erschienen waren, sind einer Sintflut digitaler Bilder gewichen. Den meisten geht das Gelehrsame von damals freilich ab, weil sie die Fotografen selber darstellen. Die Leute stehen vor der Cheopspyramide oder dem Taj Mahal, egal. All dem, was sie sehen wollten, drehen sie sofort den Rücken zu und stellen sich selbst in den Mittelpunkt. Wenn das Meer die Kulisse bietet, endet das Selfie mitunter tödlich im Sturz von der Klippe.

Was lässt uns nur glauben, dass die wichtigste Nachricht dieser Welt wir selber sind?

Thomas Matt

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