Monika Helfer

Kommentar

Monika Helfer

Mein Leben im Roman (10)

09.07.2019 • 16:44 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Als der Mann aus heiterem Himmel seine Sachen gepackt und ohne eine Ankündigung die Wohnung verlassen hatte, fuhr er mit dem Taxi zum Bahnhof, schaute auf die Abfahrtszeiten und entschloss sich von einer Sekunde zur anderen, in den Zug nach Berlin einzusteigen.

Er wehrte den Gedanken an seine Frau ab, die gehörte jetzt nicht in seinen Roman.

Er hatte als Student in Berlin gelebt, war viel in Literaturkreisen unterwegs, hatte es selber mit dem Schreiben versucht, was nicht so recht gelingen hatte wollen. Er blieb beim Lesen. Einmal sagte ein Professor zu ihm: „Sie sind der belesendste Mann, den ich kenne.“

Er wurde zu Diskussionen eingeladen, seine Rhetorik schulte sich. Nach einer dieser Veranstaltungen hatte er seine Frau kennengelernt, wie er, eine Bücherbesessene. Das vereinte sie. Sie war seine erste Frau, er ihr erster Mann. Sie tauschten sich über Literatur aus, und kannte einer nicht, was der andere gerade las, holte er es eilig nach. Sie hatten bescheidenen Sex, weil jeder im Kopf in einer Romanszene liebte.

Da traf er auf einer Party eine dunkelhaarige Frau, die so schön war, dass er sich wunderte, von ihr wahrgenommen zu werden. Er war nur in seinem Roman begehrenswert. Sie hatte wenig übrig für Literatur, das saftige Leben war das Ihre. Bei jeder seiner Handlungen fragte er sich, ob sie wohl in ihrem Sinn wäre. Dann verlor er sie an einen anderen.

Beinahe wäre er vor Unglück gestorben, wieder ein Thema für einen Roman, den ich bald schreiben werde, hatte er sich gedacht. Wieder misslang es. Er war zu nichts imstande.

Da hatte er seine Literaturliebe wieder getroffen und sie von der Stelle weg geheiratet. Er sehnte sich nach Sicherheit.

Jetzt, nach dreißig Jahren, stand er vor dem Haus, in dem er mit der Dunkelhaarigen ein halbes Jahr gelebt hatte. Er sah zu den Fenstern hoch, schaute bei den Klingeln auf die Namen, drückte sie alle nacheinander, bis endlich die Tür aufschnappte. Er betrat das Haus, lief die Treppen hinauf und hielt vor der Wohnung, in der er vor dreißig Jahren …

Ein fremder Name stand auf der Tür. Er klingelte, und ein Kind öffnete. Ein Mädchen mit schwarzen Locken und einem rosaroten Ballettröckchen. „Wie heißt du?“, fragte er das Kind. „Ist deine Mutter da?“

„Ich heiße Tiffy, und meine Mutter ist tot.“

Der Vater erschien in der Tür, ein großer Mann in Unterhemd. „Wen suchen Sie“, fragte er.

„Eine dunkelhaarige Frau, die vor dreißig Jahren hier gewohnt hat.“

„Er meint wahrscheinlich die Oma“, sagte Tiffy, „die lebt, wo es immer so kalt ist.“

„Sie hatten bescheidenen Sex, weil jeder im Kopf in einer Roman­szene liebte.“

Monika Helfer

monika.helfer@vn.at

Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.