Reinhold Bilgeri

Kommentar

Reinhold Bilgeri

Vergessen

Vorarlberg / 10.07.2019 • 21:52 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Unser Geschichtelehrer hat uns damals die Welt und ihre Geschichte(n) erklärt, sagt Frau Ammann, machte uns begreiflich, dass wir eine „Verlängerung des Gewesenen“ sind. Trotz digitaler Vernetzung scheint aber der modernen Zivilisation der „historische Sinn“ zu entgleiten. Geschichtsvergessenheit ist ein Virus unserer Zeit. Alarmierend. Es gibt in manchen Ländern sogar Tendenzen, den Geschichtsunterricht zu beschneiden, in der Schweiz z.B. wurde aus dem Fach „Geschichte“ der Fachbereichsname „Räume, Zeiten, Gesellschaften“, was etliche Historiker auf die Palme brachte.

Rückspiegel

Der Vizepräsident der Max Planck-Gesellschaft, Prof. Weinert konstatierte: „Fächer sind als Wissenssysteme unerlässlich für kognitives Lernen. Es gibt überhaupt keinen Grund für einen heterogenen Fächermischmasch“. Der Schweizer Journalist Bossard bringt es auf den Punkt: „Jedes Geschehen steht in einem größeren Zusammenhang mit der Gegenwart, und der Blick nach vorne braucht einen Rückspiegel.“ Was nützt dieser aber, wenn er sich zusehends eintrübt und wir vergessen, woraus wir geworden sind, was wir sind ?

Beispiel: Frau Ammann hat mir die Ergebnisse einer Erhebung der Claims Conference zum Wissen der Österreicher bezüglich NS-Zeit mitgebracht ­– 56% der Befragten wussten nicht, dass vom Naziregime sechs Millionen Juden ermordet wurden. Auf die Frage nach KZ‘s in Österreich konnten 42% das Todeslager Mauthausen nicht nennen. Ich kann mich noch an die verstörten Augen meiner Tochter erinnern, als sie vor ein paar Jahren mit ihrer Schulklasse durchs Lager geführt wurde und an die Reaktionen ihrer Mitschülerinnen, was mich auf flächendeckende Wirkung hoffen ließ. Die Statistik aber weiß anderes: 13% der jüngeren Befragten meinen nämlich, dass die Zahl der ermordeten Juden „weit übertrieben“ sei. Dem Social Media-Fake News Gelaber geschuldet? Eltern? Lehrer? Hallo??

Auschwitz

„Wir stehen vor einem Problem“, sagt der Vorsitzende der Befragungs -Taskforce, „man scheitere offenbar darin, junge Menschen zu unterrichten und die Folgen werden furchtbar sein.“ Auschwitz bleibt eine ewige Option in uns allen. Hitler wirkt als Faszinosum weiter, „Mein Kampf“ ist weltweit nach wie vor ein Bestseller, lag vor Kurzem in den indischen Amazon Buchcharts auf Platz 15 usw. Autokratische Führer sind hip, von Trump bis Bolsonaro. Illiberal ist cool. Ibiza? Vergessen.

Wir sollten uns echt in Acht nehmen ­– vor uns selbst.

„Jedes Geschehen steht in einem größeren Zusammenhang mit der Gegenwart, und der Blick nach vorne braucht einen Rückspiegel.“

Reinhold Bilgeri

reinhold.bilgeri@vn.at

Reinhold Bilgeri ist Musiker, Schriftsteller und Filmemacher, er lebt als freischaffender Künstler in Lochau.