Ein Streik in Vorarlberg

12.07.2019 • 15:56 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Als vor 90 Jahren das Staukraftwerk in Vermunt gebaut wurde, brach etwas denkbar Unvorarlbergerisches aus: ein Streik. Die Arbeiter wurden von den Illwerken nach alemannischer Manier entlohnt, sodass ihnen nach ihren „Auslagen für Kost, Bekleidung und Quartier … nicht mehr viel vom Lohn übrig“ blieb, wie die „Vorarlberger Landesstimme“ schrieb. Bereits im Winter 1928 hatte die sozialdemokratische Gewerkschaft – den Gewerkschaftsbund gibt es in Österreich erst seit 1945 – den Kollektivvertrag für den Bau aus Protest gekündigt.

Stundenlohn von 1,70 Schilling

Die Verhandlungen über eine Neuregelung scheiterten. Bei den leitenden Facharbeitern war man sich einigermaßen einig geworden, ein Partieführer sollte einen Stundenlohn von 1,70 Schilling bekommen. Allerdings spießte es sich bei den niederen Rängen: Eingeteilte Fachkräfte sollten etwa nur 1,10 bis 1,20 Schilling erhalten, Frauen überhaupt nur 75 Groschen. Die Gewerkschaft verlangte aber 1,25 Schilling beziehungsweise 95 Groschen.

Vermittlungsversuch scheiterte

Der Landtag war erfolglos an den Bauherrn herangetreten und hatte auf eine bessere Unterbringung und Bezahlung gedrängt. Ein Vermittlungsversuch des Landeshauptmannes scheiterte ebenso. Der zuständige Landesrat wiederum meinte, bei den zu erwartenden Kosten hätte man gleich ein Kohlekraftwerk bauen können. Schließlich traten die Arbeiter im Sommer 1929 in den Streik. Um den Zusammenbruch der Baustelle zu verhindern, wurden aber weiterhin dringend notwendige Arbeiten verrichtet. Die Unternehmer sperrten aber die Küchen. Den Köchen wurden Konsequenzen angedroht, sollten sie den Streikenden auch nur das Geschirr herleihen.

Im politisch aufgeheizten Klima der 20er-Jahre hatte die Angelegenheit das Zeug zum Politikum. Allerdings hielt sich die Agitation in Grenzen, da die Streikenden auch Sympathien in konservativen Gesellschaftsschichten genossen. Es fanden sich, so berichtete die rote „Vorarlberger Wacht“, „im Tale Montafon anständige Menschen genügend, die ohne zu bangen, ja auf Kredit Brot, Lebensmittel und das Kochgeschirr bereitstellten“.

Zur Schlichtung ermahnt

Selbst das schwarze „Volksblatt“ gab zu, dass Streiks schwer zu vermeiden wären und auch in Betrieben des sozialdemokratisch regierten Wiens gestreikt worden sei. Die Zeitung mahnte aber gleichzeitig eine verpflichtende Streikschlichtung ein – die es in Österreich bis heute nicht gibt – um „gegenüber Staaten, die nach Mussolinischem Muster den Streik beseitigt haben, wirtschaftlich nicht ins Hintertreffen“ zu kommen.

Arbeiten an einem Kompromiss

Nach drei Wochen gelang es Landeshauptmann Ender doch noch, einen Kompromiss zu vermitteln. Die Arbeiter an der Staumauer erhielten eine Gehaltserhöhung, woraufhin 150 Hilti-Arbeiter in Streik traten, um dieselben Konditionen zu erhalten. Das Vermuntwerk konnte trotzdem schon ein Jahr später ans Netz gehen.

Moritz Moser stammt aus Feldkirch, lebt und arbeitet als Journalist in Wien. Twitter: @moser_at