Zuerst sein Ja

Vorarlberg / 12.07.2019 • 19:11 Uhr / 5 Minuten Lesezeit

Da haben wir es wieder geschafft: Ein ganzes Jahr gearbeitet, endlich ist der verdiente Urlaub in Reichweite gekommen! Die Schülerinnen und Schüler, wohl auch die Lehrerinnen und Lehrer konnten es die letzten Wochen gar nicht mehr erwarten. Ein Schuljahr mit vielen Ansprüchen und Herausforderungen ging zu Ende, und nun sind sie da, die wohl verdienten Ferien! Wir alle wissen es: Willst du etwas erreichen, musst du dich dafür einsetzen.

Das ist berechtigt und notwendig. Doch irgendwie scheint es, dass wir das schon mit der Muttermilch aufsaugen: Du musst etwas leisten, um bestehen zu können! Du musst dich abmühen, um erfolgreich zu sein! Du musst dranbleiben und kräftig investieren, um weiterzukommen! Wenn du deine Sache gut gemacht hast, dann bekommst du auch etwas dafür!

Und in der Welt des Glaubens? – „Meister, was muss ich tun, um das ewige Leben zu gewinnen?“, fragt der Gesetzeslehrer im Evangelium, das wir morgen in unseren Gottesdiensten hören werden (vgl. Lk 10,25-37).

Die Gefahr ist groß, die Sache des Glaubens mit einer Leistungsschau zu verwechseln. Aber bei unserem christlichen Glauben geht es nicht darum, dass ich zuerst tue und leiste, um etwas zu bekommen. Glauben heißt: Sich zuerst von Gott geliebt zu wissen, bedingungslos. Das Ja Gottes, es meint mich und gilt mir ohne Vorleistung. Das Ja Gottes trägt mich durch alle Höhen und Tiefen des Lebens.

Gottes Liebe und Treue meint auch meine Mitmenschen, meint jede und jeden ohne Ausnahme! Das ist das Erste! Auf diesem Hintergrund geht die Liebe zu Gott, zum Nächsten und zu mir selbst nicht über unsere Kraft. In diesem Bewusstsein ist uns dieses Gebot der Gottes-, Nächsten- und Selbstliebe nahe. Es ist nichts mehr, das uns von außen aufgezwungen wird, es gehört dann zu unserem Wesen. Und je mehr wir nach diesem Grundsatz unseres Glaubens zu leben versuchen, desto mehr werden wir die Freiheit spüren und das Leben finden; desto mehr werden wir auch die im Blick haben, die unsere Hilfe brauchen, unabhängig von Herkunft und Religion, sondern einfach deshalb, weil sie uns zum Nächsten geworden sind: die am Rand, die, die mir über den Weg laufen, die, mit denen ich es tagtäglich zu tun habe.

Der 2012 verstorbene Priester Phil Bosmans bringt es meiner Meinung nach sehr gut auf den Punkt, wenn er einmal schreibt:

Das Neue im Christentum besteht in einer Form von „Vollkommenheit“, die mit dem strengen Einhalten einer Fülle von Gesetzen und Vorschriften nichts zu tun hat, sondern alles mit Güte und Vergebung, mit dem Lernen der Liebe zu Feinden und mit dem Hören auf das Wort dessen, der uns wie ein Vater und wie eine Mutter liebt und der in unserem Herzen spricht. Christentum ist keine Zwangsjacke, die einem die Luft abdrückt, und kein enges Korsett, in dem man erstickt. Im Christentum kannst du dich frei bewegen. Das Christentum erlaubt dem Menschen, das Leben zu genießen.

Es gibt nur ein alles umfassendes Gesetz: Liebe. Christentum ist kein Perfektionismus. Du brauchst nicht der Beste und nicht der Erste zu sein. Du brauchst kein Supermensch zu sein. Christliche Vollkommenheit hat nichts mit Perfektionismus zu tun, mit der exakten Befolgung von Gesetzen. Wenn du im Christentum gebunden bist, dann mit dem Band der Liebe.

Im Christentum kannst du Fehler und Schwächen haben. Du wirst aufgerufen, ein guter Mensch zu sein, und kannst siebzig mal, sieben Mal fallen. Beim Gott des Christentums ist auch der Sünder willkommen. Nur wer nicht guten Willens ist und sich ganz bewusst für das Böse entscheidet, schließt sich selbst aus.

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