„Integration ist ein Unwort“

Vorarlberg / 16.07.2019 • 07:00 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Wer hier geboren ist, sei Hausherr, kein Gast, betont Durdu. VN/Stiplovsek
Wer hier geboren ist, sei Hausherr, kein Gast, betont Durdu. VN/Stiplovsek

HAK-Spitzenkandidat Murat Durdu spricht im VN-Interview über Parallelgesellschaften, Hausherren in Vorarlberg und Minderheiten.

Wolfurt Am Dienstag ist der erste Stichtag für die Landtagswahl am 13. Oktober. Nur wer am 16. Juli in Vorarlberg gemeldet ist oder als Auslands-Vorarlberger das Land noch keine zehn Jahre verlassen hat, darf im Oktober wählen. Für Listen, die nicht im Landtag vertreten sind, beginnt zudem das Sammeln der Unterschriften, um antreten zu dürfen. Mit der Heimat aller Kulturen (HaK) startet eine neue Partei türkischstämmiger Kandidaten den Anlauf, in den Landtag zu gelangen. Deren Spitzenkandidat Murat Durdu erklärt im VN-Interview die Beweggründe.

Warum treten Sie bei der Landtagswahl an?

In Vorarlberg gibt es sehr viele Menschen, die sich im Landtag nicht vertreten fühlen. Für sie möchten wir eine Stimme sein. Außerdem wird derzeit bei gewissen Fragen über Minderheiten gesprochen, aber nicht mit ihnen. Mit uns hätte die Politik die Gelegenheit, mit ihnen zu reden.

Bei welchen Themen redet die Politik nicht mit Minderheiten?

Zum Beispiel beim Kopftuch oder bei den islamischen Vereinen.

Wen wollen Sie vertreten?

Wir möchten jene Richtung vertreten, um den Landtag und die Demokratie in Vorarlberg zu komplettieren. Es gibt zehn bis 15 Prozent im Land, die nicht vertreten sind oder deren Anliegen zu wenig vorgebracht werden. Menschen, die schon lange hier leben, hier geboren und aufgewachsen sind und die sich immer noch als Gäste fühlen oder denen man das Gefühl gibt, sie seien Gäste. Wer in dritter Generation hier lebt, ist kein Gast. Er ist Hausherr.

 VN/Stiplovsek
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Wer in dritter Generation hier lebt, ist kein Gast. Er ist Hausherr.

Murat Durdu

Die Zielgruppe lautet also: Österreicher mit türkischen Wurzeln?

Nicht nur. Es gibt auch sehr viele andere muslimische Minderheiten, ob aus Syrien, Irak oder Afghanistan, natürlich auch unsere bosnischen Mitbürger.

Sie werden Glaubensfragen in den Landtag bringen?

Wir nicht. Aber wenn das Thema im Landtag oder sonst wo diskutiert wird, dann wollen wir unsere Sicht der Dinge schildern.

Wie beim Kopftuch?

Das sehen wir weniger aus der Glaubenssicht sondern mehr aus der Sicht der Freiheit. Jetzt reden wir über Kindergärten, aber wo hört es auf? Volksschulen, Hauptschulen, Gymnasien, Universitäten? Und irgendwann soll es auf der Straße nicht mehr erlaubt sein? Das nimmt einem die Freiheit, sich so anzuziehen, wie er oder sie es haben möchte.

Auch im Kindergarten?

Aus Glaubensperspektive ist es ja so, dass Kindergartenkinder kein Kopftuch tragen müssten, das gilt erst ab der Pubertät. Besser wäre es, mit den Eltern darüber zu sprechen, das wäre konstruktiver als ein Verbot.

VN/Stiplovsek
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Aus Glaubensperspektive ist es ja so, dass Kindergartenkinder kein Kopftuch tragen müssten, das gilt erst ab der Pubertät.

Murat Durdu

Mit welchen Themen wollen Sie in den Wahlkampf ziehen?

Wir wollen den Populismus, der im Moment herrscht, mit aller Kraft bekämpfen. Es wird immer mehr, die Leute werden leider mutiger, das auch auf offener Straße zu zeigen. Wir erleben das auch täglich in den Schulen.

Was geschieht dort?

In Bludenz wurde zum Beispiel einer Mitschülerin das Kopftuch runtergerissen. Es ist ja leider auch so, dass in Fächern wie Chemie oder Biologie auf einmal über Türkei, Erdogan oder das Kopftuch diskutiert wird. Das finde ich sehr gefährlich, weil die türkischstämmigen Kinder automatisch zum Thema werden. So wird in der Klasse differenziert, das muss aufhören. Im Fach politische Bildung ist es natürlich in Ordnung, aber nicht in unlogischen Fächern.

Werden Sie auch die Integration thematisieren?

Es geht um viele Bereiche, die wir ansprechen wollen. Viele davon betreffen das Unwort Integration. Wieso soll ich mich integrieren, wenn ich hier geboren und aufgewachsen bin? Ich heiße Murat und komme aus Lochau, ich bin nicht fremd. Die Türkei kenne ich aus dem Urlaub. Ein schönes Land, ein wichtiges Land, meine Wurzeln sind dort. Aber unsere Herzen sind groß genug, um zwei Länder zu lieben.

Integration ist ein Unwort?

Ja, weil alle Menschen in den gleichen Topf geschmissen werden. Menschen, die hier geboren und aufgewachsen sind, verstehen nicht, was sie mit Integration zu tun haben. Oft meint man die Sprache, aber es gibt nur noch wenige, die kein Deutsch sprechen. Warum man beim Wort Integration immer auf Türkischstämmige zeigt, verstehe ich auch nicht. Man sollte lieber über Inklusion sprechen und in Betracht ziehen, dass auch jemand der Murat, Ahmet oder Mehmet heißt, einer von hier ist.

Menschen, die hier geboren und aufgewachsen sind, verstehen nicht, was sie mit Integration zu tun haben.

Murat Durdu

Gibt es eine Parallelgesellschaft?

Es gibt viele Parallelgesellschaften. Das ist eine logische Entwicklung in einem Einwanderungsland. In den USA oder in England gibt es viele Gruppen, die ihre eigene Kultur, ihren Glauben und ihre Traditionen haben und manchmal eben unter sich sind. Weil sie anders Hochzeiten feiern, anders essen, anders beten oder was auch immer. Das finde ich nicht schlecht. Wichtig ist nur, dass die Gesellschaften miteinander reden, und zwar permanent, damit keine Ängste und Konflikte entstehen.

Das NBZ hat schon versucht in den Landtag zu gelangen, ist aber gescheitert. Warum sollte es Ihnen gelingen?

Wir haben ein sehr breites Team. Es gibt ja unter Muslimen viele Richtungen und Weltbilder. Und wir haben es geschafft, einen Großteil dieser Weltbilder in der HaK zu vereinen.

Treten Sie auch bei der Nationalratswahl an?

Wir haben uns dazu entschlossen, nur bei Vorarlberger Wahlen anzutreten. Bei einer Nationalratswahl muss man sich in allen Bundesländern organisieren, das ist für uns zeitlich und finanziell nicht möglich.

Warum liegt Ihr Büro im selben Gebäude wie das türkische Konsulat?

Ein Vorstandsmitglied von uns hat sein Büro hier und hat erfahren, dass der Raum neben ihm frei ist. Das hat mit dem Konsulat nichts zu tun. Wir sind hier ja im Postgebäude, nicht im Konsulatsgebäude.

Murat Durdu im Gespräch mit den VN. VN/Stiplovsek
Murat Durdu im Gespräch mit den VN. VN/Stiplovsek