Margarita De Rosso: Der Tod trennte sie von ihrer großen Liebe

16.07.2019 • 14:00 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Damals war ihre Liebe noch ganz frisch. Margarita und Agostino De Rosso.

Margarita De Rosso trauert um ihren Mann Agostino. Er war die Liebe ihres Lebens.

Bregenz Sie ist noch immer gehandicapt. Margarita De Rosso (83) brach sich vor einigen Monaten einen Wirbel. Jetzt liegt sie im Bett und ruht. Den Pyjama, den sie anhat, trug ihr Mann Agostino, als er starb. Die Decke, mit der sie zugedeckt ist, wärmte ihren Ehemann in seinen letzten Stunden. Ihr Blick ruht auf der Urne, die auf der Kommode steht und in der die Asche ihres Mannes verwahrt ist. „Er ist noch da“,  meint sie seine Präsenz zu fühlen.

Margarita De Rosso ist seit ein paar Wochen Witwe.
Margarita De Rosso ist seit ein paar Wochen Witwe.

44 Jahre und ein halbes. So lange gingen die beiden gemeinsam durchs Leben. Am 21. Juni trennte sie der Tod. Agostino litt an Lungenkrebs. „Als wir im April erfuhren, dass er Krebs hat, war mein erster Gedanke: ,Ich durfte mit meinem Mann die Liebe leben. Dafür bin ich dankbar.‘“ Nach der Diagnose blieben Agostino nur noch zwei Monate. Er wollte nicht sterben. Wegen ihr nicht. „Im Spital sagte er zu mir: ,Ich möchte für dich leben.‘“ Als er am 21. Juni für immer ging, hielt sie seine Hand. „Cherie, atmest du noch“, fragte Margarita ihn. Sie bekam keine Antwort mehr.

Mit sieben Jahren zur Vollwaise geworden

Als junge Frau wünschte sich Margarita einen Ehemann, der so war wie ihr Vater. So einen oder keinen, sagte sie sich. „Papa war ein herzensguter Mensch. Er betrieb einen Gemischtwarenladen. Zu ihm kamen sogar die Leute vom anderen Ende des Dorfes. Denn er gab immer mehr als man ihm bezahlte. Den Witwen hat er Mehl und Schmalz geschenkt.“ Seine Frau stand ihm in Herzenswärme um nichts nach. „Mama verköstigte zwei arme Fabrikarbeiterinnen mit“, erinnert sich Margarita.

Am 10. Mai 1944 kamen ihre Eltern bei einem Bombenangriff der Alliierten ums Leben. Margarita wurde schwer verwundet. „Dass ich überlebt habe, ist ein Wunder.“ Mit sieben Jahren wurde die Burgenlandkroatin zur Vollwaise. „Mein Glaube hat mich gehalten. Ich redete mit dem lieben Gott“, erzählt sie, was ihr damals half, weiterzuleben. Ihre zehn Jahre ältere Schwester kümmerte sich darum, dass Margarita bis zur Matura ein Internat besuchen konnte. „Dort erhielt ich eine gute Ausbildung.“

Afrika, mon amour

Nach der Schule ließ sie sich zur Lehrerin ausbilden. Ihren ersten Job trat sie in einer Volksschule in Bregenz an. „Als ich am Bahnhof ausstieg, dachte ich mir: Hier gefällt es mir.“ Aber die mehrsprachige Frau, die ein Jahr in Amerika studiert hatte, blieb nur ein paar Jahre in Bregenz. Dann ging sie für drei Jahre als Entwicklungshelferin nach Afrika. „Ich verliebte mich in diesen Kontinent. Die Afrikaner haben unglaublich viel Empathie und Herz.“ Als sie später in Brüssel afrikanische Pastoraltheologie studierte, lernte sie ihren zukünftigen Mann, einen Italiener, kennen. Er studierte ebenfalls Theologie. „Agostino wollte als Missionar nach Afrika. Und auch ich hatte Afrika noch im Herzen.“

1975 heiratete das Paar im Kloster Mehrerau, 1976 krönte Tochter Nathalie das Glück der beiden. Die Umstände zwangen das Paar aber, seine Afrika-Pläne aufzugeben. Stattdessen zog die kleine Familie für drei Jahre nach Belgien, weil Agostino dort eine Anstellung als Religionsprofessor bekam. 1981 kehrten sie nach Österreich zurück. „Ich hatte großes Heimweh“, nennt Margarita einen der Gründe für die Rückkehr. In Vorarlberg waren beide als Lehrer tätig.

„Uns hat der Glaube zusammengehalten. Der war unser Fundament.“

Margarita De Rosso, Witwe

Margarita quält sich aus dem Bett zur Kommode und macht eine Schublade auf. Sie zieht eine Mappe heraus. „Diesen 17 Seiten langen Liebesbrief hat mir Agostino zum 80. Geburtstag geschenkt“, sagt sie und jetzt kullern Tränen über ihre Wangen. Langsam realisiert die Witwe, dass ihr Gefährte nicht mehr da ist und sie jetzt alleine weiterleben muss. Auf Agostino konnte sie sich zu 100 Prozent verlassen. „Wenn eine Pfütze auf der Straße war, hat er mich weggezogen. Ich musste auf nix aufpassen und konnte wie eine Blinde gehen. So  hat er mich durchs Leben geführt.“ Auch als sie im Vorjahr an Brustkrebs erkrankte, ihr eine Brust abgenommen werden musste und sie so schwach war, dass sie nicht einmal alleine aufs WC kam, war er ihr Fels in der Brandung. „Agostino hat mich drei Mal in der Woche zur Chemotherapie gebracht, den Haushalt geführt, mich hinaufgefüttert und ins Café gefahren.“ Wie selbstverständlich hielten sie das Versprechen, dass sie sich einst am Traualtar gaben: sich die Treue zu halten alle Tage des Lebens, in guten wie in schlechten Zeiten.

„Uns hat der Glaube zusammengehalten. Der war unser Fundament. Mit dem Herrgott  hatten wir einen Dritten im Bunde“, erzählt Margarita, warum sie Klippen in der Ehe immer gut umschiffen konnten. Aber das lag wohl auch in der Persönlichkeit von Agostino begründet. „Mein Mann war immer liebevoll und nie grob. Das Gröbste war, dass er die Stimme erhoben hat. Wenn wir laut wurden, ging einer von uns weg in die Kirche. Wir kamen erst zurück, wenn wir uns beruhigt hatten.“ Die Witwe stockt. Ihre Stimme bricht weg. Aber sie möchte noch etwas anbringen: „Agostino war genauso wie mein Vater: gütig, hilfsbereit und sozial“, sagt sie, nachdem sie sich wieder gefangen hat.