Jürgen Weiss

Kommentar

Jürgen Weiss

Mächtige Idee

Vorarlberg / 22.07.2019 • 19:04 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

„Nichts ist mächtiger als eine Idee, deren Zeit gekommen ist.“ Diese Feststellung des vor 150 Jahren lebenden französischen Schriftstellers (Der Glöckner von Notre Dame) und Politikers Victor Hugo bestätigt sich immer wieder aufs Neue. Markantestes aktuelles Beispiel ist der Einsatz gegen den Klimanotstand (oft verharmlosend Klimawandel genannt). Die von der 16-jährigen schwedischen Schülerin Greta Thunberg initiierten Schulstreiks für das Klima und die daraus gewachsene globale Bewegung „Fridays for Future“ waren ein erfolgreiches Signal: Es ist fünf vor zwölf und Zeit zu handeln. Dieser Tropfen hat das Fass zum Überlaufen gebracht und eine Flut von Engagement in Bewegung gesetzt.

Landtag macht Nägel mit Köpfen

Allerorten wird nun sogar der Klimanotstand ausgerufen, wobei den guten Absichten nicht immer konkrete Vorhaben folgen (mangels Zuständigkeit auch gar nicht können). Der Vorarlberger Landtag hat kürzlich als erstes Landesparlament im deutschsprachigen Raum weitgehend einstimmig nicht nur einen Appell an andere beschlossen, sondern auch eine umfangreiche Liste vorgelegt, wie im Land selbst umgesteuert werden soll. Vieles geht naturgemäß nicht von heute auf morgen, beispielsweise bei der völligen Umstellung der Stromversorgung auf erneuerbare Energieträger und der Reduzierung der Treibhausgase auf 40 Prozent geht der Zeithorizont bis 2030, anderes wie besseres Mobilitätsmanagement oder die Prüfung aller Gesetze, Verordnungen und Förderungen auf Klimaverträglichkeit ist überhaupt eine Daueraufgabe. Sehr rasch, nämlich bereits ab 2020, soll es bei Neubauten keine Ölheizungen und bei bestehenden Anlagen keine Ersatzinvestitionen mehr geben.

Nachholbedarf an Bewusstsein

Richtig angekommen scheint der Vorarlberger Klimanotstand aber noch nicht überall zu sein. Kurze Zeit nach dessen Ausrufung durch den Landtag fand auf der Straße von Au in den Luftkurort Damüls ein sich über mehrere Tage erstreckendes Autorennen statt. 160 Rennfahrer, davon die Hälfte aus dem Ausland, fuhren mit Lotus, Porsche, Golf GTI usw. um die Wette. Abgesehen von den Verkehrsbehinderungen (die Landesstraße musste mehrfach gesperrt werden) und der Lärmentwicklung ist ein solches Rennen nicht gerade die umweltfreundlichste Art der Fortbewegung, hier dazu noch als Selbstzweck. Die Begeisterung bei den Einheimischen (so sie nicht gerade Rennfahrer beherbergten) und die Faszination bei den Urlaubsgästen hielt sich offenkundig in sehr engen Grenzen. Angesichts der Vorlaufzeit und des Aufwands einer solchen Veranstaltung kam eine kurzfristige Absage auf Grund des Klimanotstands heuer natürlich nicht so ohne Weiteres in Betracht. Ich bin gespannt, wie das im nächsten Jahr sein wird.

„Richtig angekommen scheint der Klimanotstand noch nicht überall zu sein.“

Jürgen Weiss

juergen.weiss@vn.at

Jürgen Weiss vertrat das Land als Mitglied des Bundesrates zwanzig Jahre lang in Wien und gehörte von 1991 bis 1994 der Bundesregierung an.