Hanno Loewy

Kommentar

Hanno Loewy

Kampf gegen Antisemitismus?

Vorarlberg / 25.07.2019 • 07:59 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

In den letzten beiden Tagen haben die Parlamentspräsidenten der deutschsprachigen Länder in Bregenz darüber beraten, wie dem wachsenden Antisemitismus in Europa begegnet werden kann. Noch ist nicht bekannt, was dabei herauskam – aber wenn man die Entwicklung in Deutschland als Tendenzmeldung lesen kann, dann bedeutet das gewachsene Interesse der Politik am Antisemitismus noch nicht unbedingt etwas Gutes. Treibt die Politik wirklich die Sorge um, angesichts verbreiteter antisemitischer Einstellungen unter muslimischen Migranten. Oder haben nicht einige Politiker eher den Kampf gegen den „Antisemitismus“ als Kleingeld entdeckt, nicht gegen Antisemiten, sondern als Mittel der Ausgrenzung von Flüchtlingen, als rhetorische Keule gegen Araber, Muslime und Palästinenser. Also gegen all jene, die auf den Nahostkonflikt um Israel und Palästina eine andere Perspektive haben als Europa und die USA.

„Treibt die Politik wirklich die Sorge um, angesichts verbreiteter antisemitischer Einstellungen unter muslimischen Migranten.“

Sind die Palästinenser, sind syrische Flüchtlinge oder türkische Migranten Schuld daran, dass der europäische Antisemitismus – allen voran der deutsche und österreichische – in seiner mörderischen Konsequenz dazu geführt hat, dass viele überlebende Juden nach dem Holocaust auf einen „eigenen Staat“ setzten? Und damit selbst ebenfalls zu Akteuren im teuflischen Zyklus von Nationalismus und ethnischer Vertreibung wurden?

Nun entdecken die Nationalisten in aller Welt ihre Freundschaft zu Israel und legitimieren ihren eigenen Rassismus als Kampf gegen die „neuen Antisemiten“. Und die ratlose Mitte der europäischen Gesellschaften rudert dem Nationalismus hinterher. Dazu gehört auch, Kritik an israelischer Politik mittlerweile grundsätzlich unter Antisemitismusverdacht zu stellen. Und damit täglich neue „Antisemiten“ zu produzieren. Dazu gehört auch, so wie es der Deutsche Bundestag schon getan hat, die palästinensische Boykottbewegung BDS gegen Israel zu kriminalisieren statt ihr mit Argumenten zu begegnen. Davon gäbe es genug, denn Boykotte treffen meistens die falschen. Das gilt auch für den Boykott der Boykottbewegung. Der neue Bannfluch gegen die Unterstützer dieses Boykotts trifft in Europa meistens keine Antisemiten, sondern kritische jüdische Stimmen, die sich angesichts der fortdauernden israelischen Besatzungspolitik und der Diskriminierung arabischer Staatsbürger in Israel Sorgen machen. Was das freilich mit dem Kampf gegen Antisemitismus zu tun haben soll, das weiß nur die israelische Regierung.

Hanno Loewy ist Direktor des ­Jüdischen Museums in Hohenems.