Wie man Akten vernichtet

Vorarlberg / 26.07.2019 • 18:18 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Vor der Rache des Archivs fürchten sich nicht nur Politiker. Alles, was dort landet, kann irgendwann wieder einmal auftauchen, weshalb man beim Anlegen von Akten vorsichtig sein muss. Um etwas nicht zu verakten, gibt es viele gute Ausreden. So zählt das Bundesarchivgesetz „persönliche Unterlagen wie beispielsweise Aufzeichnungen und Notizen“ nicht zum Schriftgut, das archiviert werden muss. Wenn aber wegen eines unfähigen Mitarbeiters doch einmal etwas Unangenehmes im Archiv landet, lässt es sich nicht immer leicht beseitigen. Hat man Zugang zum Archiv und handelt es sich um einen Papierakt, kann man ihn eventuell verschwinden lassen. Er ist dann, wie man auf Amtsösterreichisch sagt, in Verstoß geraten. Bei großen Aktenmengen oder elektronischen Veraktungssystemen ist das allerdings schwieriger. Die muss man notgedrungen offiziell skartieren, das heißt vernichten lassen. Für staatliche Archivbestände gibt es dafür gesetzliche Regeln, aber auch daran lässt sich drehen. Das hat sich jüngst in Liechtenstein gezeigt, wo ein Dokument über Ausgaben der Außenministerin vor der Übergabe an den Landtag geschwärzt und kopiert wurde, bevor man das Original vernichtet hat.

Beim Skartieren geht es nicht nur um politische, sondern auch um ökonomische Interessen. So wurden im Dorotheum schon in den 60ern Akten beseitigt, die von den guten Geschäften hätten berichten können, die das Auktionshaus mit den sogenannten Arisierungen durch die Nazis gemacht hatte. Weniger erfolgreich waren die Nazis selbst, die in den letzten Kriegstagen versucht hatten, ihre Mitgliederlisten im Heizraum des Wiener Parlamentsgebäudes zu verbrennen. Man warf zu viel Papier in den Ofen, was das Feuer ausgehen und den Großteil unversehrt ließ.

Eine vorzeitige Aktenvernichtung kann in seltenen Fällen auch im Interesse des Staates sein. So fütterten die Botschaften der Großmächte vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs ihre Öfen mit Dokumenten, die dem Feind nicht in die Hände fallen sollten. Es hätten, so berichtete das Czernowitzer Tagblatt im August 1914, „alle Staaten dieses Weltteiles bereits die diplomatischen Akten skartiert“. Nach 1918 hatte das nunmehr kleine Österreich das Archiverbe des untergegangenen Habsburgerreichs zu verwalten. Aus diesem Grund sitzt noch heute, als letzter Überrest der Doppelmonarchie, ein ungarischer Verbindungsbeamter im Haus-, Hof- und Staatsarchiv in Wien.

Moritz Moser stammt aus Feldkirch, lebt und arbeitet als Journalist in Wien. Twitter: @moser_at