„Ein helles Licht und das Gefühl der Liebe“

Vorarlberg / 29.07.2019 • 18:53 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Christoph Lissy vor einem seiner Exponate. Im Hintergrund sieht man den Engel, dem er begegnete. VN/Kuster
Christoph Lissy vor einem seiner Exponate. Im Hintergrund sieht man den Engel, dem er begegnete. VN/Kuster

Bildhauer Christoph Lissy fiel 2006 ins Koma und hatte eine Nahtoderfahrung.

Hörbranz Ab seinem 18. Lebensjahr überfiel ihn jeden Tag zwischen 17 und 18 Uhr Todesangst. „Ich hatte Panikattacken, weil mir bewusst wurde, dass ich dem Tod nicht auskomme, dass er kommen und mich holen wird.“ Bildhauer Christoph Lissy (61) glaubt heute, dass er wegen dieser fürchterlichen Todesangst Künstler wurde. „Das war die Hauptantriebsfeder. Ich dachte mir: Ich bin verloren, wenn nichts von mir bleibt.“ Um die Angst vor dem Tod zu kompensieren, schuf er Kunstwerke aus Stahl. Die Todesangst war über Jahrzehnte seine ständige Begleiterin.

Aber am 23. November 2006 verschwand sie so abrupt wie sie gekommen war. Gleichzeitig mit ihr ging auch seine Lebensangst. An diesem Tag platzte Christoph Lissy im Kopf eine Hauptarterie. Der Künstler fiel ins Koma. Die Ärzte sahen für ihn keine Überlebenschance mehr und gaben seiner Frau den Rat: „Verabschieden Sie sich von Ihrem Mann, er wird sterben.“ Doch Nicole Lissy bat ihren Mann, bei ihr und dem gemeinsamen Sohn Ludwig zu bleiben. „Bleib bitte da, gehe nicht weg von uns“, flüsterte sie ihm eindringlich ins Ohr.

Auf ihre Anweisung hin wurde Christoph Lissy mittels Rettungshubschrauber in ein anderes Krankenhaus gebracht und dort notoperiert. Nach der OP sagten die Ärzte zu Lissys Frau: „Ihr Mann ist außer Lebensgefahr. Aber er wird ein Pflegefall sein und nie mehr arbeiten können.“

Mit einem Fuß im Jenseits

Die Erinnerungen des Künstlers an das dramatische Geschehen von damals sind allerdings andere. Er spricht über seine Nahtod­erfahrung: „Ich stand plötzlich in einem lichtdurchfluteten Raum. Dort überkam mich ein gewaltiges Glücksgefühl. Das war so schön, dass es sich jeglicher Sprache entzieht.“ Aber das war noch nicht alles, was ihm widerfuhr: „Ein Bote des Herrn stand vor mir. Er hat mir mein sündiges Leben gezeigt und mir vorgehalten, dass ich mich nicht gut um mich selbst gekümmert hätte.“ Und die Lichtgestalt hatte völlig recht. Denn vor dem Nahtoderlebnis führt Christoph Lissy ein sehr ungesundes Leben, rauchte, trank und arbeitete einfach zu viel. Das gipfelte schließlich darin, dass er sich nur noch schlecht fühlte, nicht mehr schlafen konnte und sein Blutdruck schwindelerregende Höhen erreichte. „Kurz bevor die Arterie platzte, hatte ich einen 290/180-Blutdruck.“ Lissy glaubt, dass er mit einem Fuß bereits im Jenseits war. Und er weiß: „Dort erwartet uns nur das Schöne. Wir kommen ins Licht und werden all unsere Lieben treffen.“

Seine Erfahrung ist ihm gleichsam auch Verpflichtung, der Welt mitzuteilen, dass sich niemand vor dem Tod fürchten muss. Er drückt es so aus: „Sterben ist das Schönste, was es gibt. Uns passiert nichts. Da ist ein liebender Gott. Ich habe seine Liebe erfahren.“ So wollte Lissy auch lieber im Jenseits bleiben. „Ich wollte nicht in meinen Körper zurück. Denn das Leben ist hart und ein Kampf. Aber der Engel schickte mich zurück. “

Das Zurückkommen war schwer für ihn. „Wenn im Licht gestanden ist, will dort bleiben.“ Nach seiner „Auferstehung“ änderte sich seine Sicht aufs Leben aber grundlegend. „Früher war ich pessimistisch. Heute freue ich mich über jeden neuen Tag. Nun liebe ich das Leben.“ Vor dem Nahtoderlebnis war er ein Gottsuchender, danach ein Bekehrter und Geläuterter. „Heute glaube ich nicht an Gott. Heute weiß ich, dass es ihn gibt. Denn er ist mir begegnet.“

Seine aktuelle Ausstellung im Vorarlberg Museum ist nicht nur eine Hommage an seine Vaterfiguren. „Mit ihr preist meine Seele auch die Größe des Herrn.“ In der Schau kommt auch seine große Dankbarkeit zum Ausdruck. Christoph Lissy konnte sich nach der Hirnblutung vollständig erholen, ist heute, zum Erstaunen der Ärzte, weder körperlich noch geistig beeinträchtigt. Für sie ist der Künstler ein „neurologisches Wunder“. Auch seine Schaffenskraft als Bildhauer litt darunter nicht. „Seltsamerweise ist seither auch meine Sprachhemmung weg. Jetzt kann ich problemlos vor Hunderten Menschen eine Vernissagerede halten.“ Weg ist auch seine Todesangst, die ihn jahrzehntelang quälte. So bekräftigt er auch: „Ich möchte keine Sekunde lang zurück in mein altes Leben.“

Die Ausstellung „Meine acht Väter“ läuft noch bis zum 1. September im Vorarlberg Museum.