Nach dem Gipfel ist vor dem Gipfel

Vorarlberg / 30.07.2019 • 15:00 Uhr / 8 Minuten Lesezeit
Fridays-for-Future: Schüler demonstrierten auch in Bregenz gegen die Untätigkeit der Politik in Sachen Klimaschutz. VN/Paulitsch
Fridays-for-Future: Schüler demonstrierten auch in Bregenz gegen die Untätigkeit der Politik in Sachen Klimaschutz. VN/Paulitsch

Klima, Energie und Erderwärmung sind in aller Munde – doch was kann gegen einen drohenden Klimakollaps wirklich getan werden? Fragen an den Dornbirner Klimapolitik-Experten Jakob Wiesbauer-Lenz.

Bettina Maier-Ortner

Schwarzach, Wien Zurzeit vergehen kaum Tage, an denen nicht über die Auswirkungen der menschengemachten globalen Erderwärmung gesprochen und mögliche Maßnahmen diskutiert werden. Ein Hitzerekord knackt den letzten, Überschwemmungen, großflächige Brände in der Arktis, durch immense Trockenheit absterbende Wälder und Ernteausfälle sind nun auch in Mitteleuropa angekommen und werden in Häufigkeit und Ausmaß von Experten der globalen Erwärmung zugeschrieben. Wissenschaftler in Bern haben eines der gängigsten Argumente gegen den menschengemachten Klimawandel stark geschwächt. Außerhalb des jüngsten rapiden Temperaturanstiegs geschahen Warm- oder Kaltzeiten wie z.B. die kleine Eiszeit in den vergangenen zwei Jahrtausenden nie auf der ganzen Welt gleichzeitig.

Seit 24 Jahren treffen sich im Dezember Tausende Delegierte aus rund 200 Ländern und versuchen den Klimawandel aufzuhalten. Der Klimawandel findet bereits statt, die Beschlüsse und deren Umsetzung hinken geradezu langsam hinterher. Die VN sprechen mit dem Dornbirner Jakob Wiesbauer-Lenz (37) vom Bundesministerium für Nachhaltigkeit und Tourismus über die anstehenden Gipfel und Maßnahmen, die gegen die Klimaerwärmung ergriffen werden.

Der Dornbirner Jakob Wiesbauer-Lenz lebt in Wien und ist Experte für den Bereich Klimapolitik. Privat
Der Dornbirner Jakob Wiesbauer-Lenz lebt in Wien und ist Experte für den Bereich Klimapolitik. Privat

Im September steht der nächste Sonder-Klimagipfel unter dem Vorsitz von UN-Generalsekretär António Guterres in New York an. Ziel des Gipfels sind Maßnahmen zur Umsetzung der Pariser Klimaschutzziele zu definieren. In welchem Bereich werden sich die österreichischen Abgesandten einbringen?

Wiesbauer-Lenz: Österreich wird sich meines Erachtens klar für eine ambitionierte Klimapolitik auf globaler Ebene aussprechen. Klimaschutz gelingt nur, wenn alle an einem Strang ziehen. Die Ziele des Übereinkommens von Paris können nur erreicht werden, wenn alle Staaten entsprechend den nationalen Gegebenheiten ihre Ambition im Klimaschutz steigern.

Was erhofft man sich bei dem UN-Sondergipfel im September zu erreichen? Bringt es dem Klima noch etwas?

Wiesbauer-Lenz: Der UN-Sondergipfel ist auf jedem Fall sinnvoll, denn er bietet eine wichtige Gelegenheit für Staats- und Regierungschefs, sich zusammenzusetzen und sich auf höchster Ebene mit dem drängenden Problem der globalen Klimakrise zu beschäftigen. Die Idee von GS Guterres ist, dass sich Staaten am Gipfel zu ehrgeizigeren Zielen und Maßnahmen bekennen. Zuletzt hat es geheißen, dass GS Guterres alle Staats- und Regierungschefs ersucht hat, sich zur Kohlenstoffneutralität bis 2050 zu bekennen. Das halte ich für eine sehr gute und notwendige Idee.

Einige Städte in Österreich und speziell in Vorarlberg haben bereits eigene Maßnahmen ergriffen und beispielsweise neben der Umstrukturierung hin zu einer energieeffizienten Gemeinde auch den Klimanotstand ausgerufen. Wie sinnvoll halten Sie dies und welche Maßnahmen können durch diesen Klimanotstand nun besser durchgesetzt werden als zuvor?

Wiesbauer-Lenz: Wir befinden uns mitten in einer Klimakrise, das ist klar. Als die Treibhausgasemissionen das letzte Mal in der Erdgeschichte so hoch waren wie heute, gab es in der Antarktis riesige Wälder. Die Veränderungen, die wir heute schon sehen, sind vergleichsweise harmlos verglichen mit dem, was uns in jedem Fall – also auch bei einem sofortigen Stopp aller Treibhausgasemissionen – erwartet. Es ist in dieser Situation aus meiner Sicht berechtigt, einen Klimanotstand auszurufen, aber dieser Notstand ist – das muss man ganz ehrlich sagen – der neue Normalzustand. Der beschleunigte Transformationsprozess hin zu einer kohlenstofffreien Gesellschaft berührt uns alle. Parallel dazu müssen wir auf den unterschiedlichen Ebenen Maßnahmen setzten, um uns an die bereits eingetroffenen Effekte der Klimakrise anzupassen.

Die französische Stadt Bègles hat im Juli, um u.a. auch die Umwelt zu schonen, ein generelles Tempolimit von 30 Km/h eingeführt, das ab Herbst gelten soll. Werden solche Maßnahmen auch für österreichische Gemeinden empfohlen?

Wiesbauer-Lenz: Grundsätzlich gilt: Jede Maßnahme zur Verringerung von Treibhausgasemissionen ist nützlich. Tempolimits sind wirksam, günstig in der Umsetzung und haben zahlreiche weitere positive Nebeneffekte (weniger Luftschadstoffe, weniger Lärm, weniger Unfälle). In einem breiten Bündel von Maßnahmen könnten Tempolimits also sinnvoll sein. Sie sind aber bei weitem nicht ausreichend, um die Klimakrise zu lösen, denn dafür braucht es – auch bei unseren Mobilitätsbedürfnissen – grundsätzlichere Veränderungen.

Wer Kinder hat, muss sich über den Zustand der Welt und wie diese in vielleicht 30 Jahren aussieht, Sorgen machen. Was kann hier ein UN-Sondergipfel erreichen? Internationale Zusammenarbeit ist ja derzeit nicht in Mode, sondern eher nationale Alleingänge.

Wiesbauer-Lenz: Als Vater sorge ich mich sehr um seine Zukunft und die Zukunft aller Menschen, die heute jung sind und die in ihrem Leben sehr wahrscheinlich von dramatischen Folgen der Klimakrise betroffen sein werden. Auch wenn der Multilateralismus zuletzt von manchen Regierungen infrage gestellt wurde: Er ist aus meiner Sicht für die Zukunft alternativlos und ein wichtiges Instrument, um der Klimakatastrophe global zu begegnen. Und selbst Staaten, die derzeit von internationalen Vereinbarungen weniger begeistert sind, sehen, dass sie national die notwendigen Schritte setzten müssen, um auf die Klimakrise zu reagieren.

Wie schätzen Sie den Greta-Thunberg-Effekt und die globalen Klima-Proteste von Jugendlichen ein? Bewegen sich Politiker dadurch etwas mehr in Richtung Klimaschutz?

Wiesbauer-Lenz: Ich halte Greta Thunberg und die von ihr initiierten Klimademonstrationen für immens wichtig. Sie hat sicher dazu beigetragen, dass das Bewusstsein in der Bevölkerung über die Klimakrise in den letzten Monaten gestiegen ist. Ich bin optimistisch, dass diese Entwicklung in der Gesellschaft und auch in der Politik ankommt und effektiver Klimaschutz in Zukunft als Kernaufgabe jeder Regierung begriffen wird.

Besonders viel schädliches CO2 bläst die Luft- und Schifffahrt in die Luft. Und es ist nicht in Sicht, dass diese Branche weniger wachsen wird, ganz im Gegenteil. Was wird hier vom Umweltbundesamt unternommen? Für 2050 stehen ja große Ziele an. Die Flugtickets sind aber günstig wie nie.

Wiesbauer-Lenz: Die steigenden Emissionen in der Luft- und Schifffahrt sind tatsächlich ein besonderes Problem, auch weil diese Sektoren wohl in Zukunft weiter stark wachsen werden und alternative, klimafreundliche Antriebe noch Mangelware sind. Alle Maßnahmen, die Begünstigungen für Luft- und Seefahrt abschaffen und einen fairen Wettbewerb z.B. mit der Bahn schaffen, sind sinnvoll. Es handelt sich dabei auch um sehr international vernetzte Sektoren, weshalb Maßnahmen auch auf globaler Ebene notwendig sind, die aber nur ein erster Schritt sein können. Es ist klar, dass Fliegen teurer werden muss, wenn wir die Auswirkungen der Luftfahrt auf das Klima ernst nehmen.

Im Dezember trifft man sich dann zum Klimagipfel in Chile.

Wiesbauer-Lenz: Die Klimakonferenz in Santiago ist eher eine technische Konferenz, der große politische Moment heuer ist sicher der Klimagipfel von GS Guterres. Trotzdem gibt es in Chile wichtige Themen zu besprechen, u.a. die Rolle der Weltmeere in der Klimakrise, die Rolle der Landwirtschaft, die Rolle von Marktmechanismen zur Erreichung von Klimazielen.

Zur Person

Mag. Jakob Wiesbauer-Lenz MA

Bundesministerium für Nachhaltigkeit und Tourismus, Experte für den Bereich Klimapolitik, war 2016 -2017 Umweltattaché für Österreich bei der EU in Brüssel

Geboren: 18. September 1981

Wohnort: Dornbirn, Wien

Studium: Rechtswissenschaften und Public Management