Von vermeintlichen und echten Klimakrisen

02.08.2019 • 16:15 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Schon im März 1948 berichteten die VN über die „Erwärmung der Erde und ihre Wirkungen“. Seit 1916 sei „eine langsame, aber feste Wärmezunahme besonders der nördlichen Gebiete festzustellen“. „Dementsprechend gingen auch bei uns die Gletscher zurück, und es ist zu befürchten, daß bei Anhalten dieser Wärmekurve die Gletscher verschwinden.“ Bekanntlich hat die Kurve nicht nur angehalten, sondern sich zusätzlich verschärft, mit dem Ergebnis, dass Vorarlbergs Gletscher nun nach Ansicht der Glaziologen nicht mehr zu retten sind.

Eiszeit

Darüber, dass der Klimawandel menschgemacht ist, herrscht außerhalb der Gemeinde der Verschwörungstheoretiker Einigkeit. Für viele gilt aber noch immer der Grundsatz: Heute ist es kalt, wo bleibt die Erderwärmung? Bevor es seriöse Studien gab, die dem persönlichen Empfinden entgegengestellt werden konnten, war das Klima eher ein Gegenstand solcher Meinungen als von gesichertem Wissen.

Nachdem der Sommer des Jahres 1926 verregnet war, prophezeiten etwa die ersten Hobbymeteorologen, die nächste Eiszeit stehe unmittelbar bevor. Der amerikanische Gelehrte Jamorin-Brown sage voraus, dass das Polareis bald bis nach Labrador und Spitzbergen vorstoßen werde, schrieb das „Vorarlberger Volksblatt“, nicht ohne vorsichtshalber nachzuschieben, man könne „den Grad seiner Gelehrsamkeit nicht feststellen“.

Schon als gegen Ende des 19. Jahrhunderts in Europa die Gletscher kurzzeitig gewachsen waren, hatte man darin untrügliche Zeichen für eine langfristige Klimaänderung gesehen. Im Vorarlberger Museumsverein hielt einen Herr von Seyffertitz 1867 ein Vortrag, in dem er bekräftigte: „Wir haben tatsächlich eine neue Eiszeit!“ Wenn die Sahara nun ergrünen werde, trage das zu einer weiteren Abkühlung bei, da sie dann keine Wärme mehr abgeben könne. Die Zeitungen profitierten damals wie heute von klimatischen Schreckensmeldungen: „Trocknet die Erde aus?“, fragte das „Vorarlberger Tagblatt“ 1932, nur um die Leser dann im Text zu beruhigen. Die Zeitung hatte ein Jahr zuvor auch der Theorie widersprochen, die in einer angeblich steigenden Zahl von Erdbeben ein Zeichen für eine herannahende globale Kälteperiode sah. Tatsächlich habe es „früher wohl ebenso viele Erdbeben gegeben, wie heute“, man erinnere sich eben nur nicht mehr daran. Woher Klimaschwankungen und -veränderungen kamen, wusste man damals noch nicht. Und auch heute gibt es in der seriösen Wissenschaft noch verschiedene Ansätze zur Erklärung der Eiszeiten.

1948 glaubte man aber noch, dass die Erderwärmung auf eine „Störung der allgemeinen Zirkulation der Atmosphäre“ zurückzuführen sei. Dass das nicht stimmt, wissen wir heute. Bis auf das Wissen auch Einsicht folgt, wird es für die Vorarlberger Gletscher leider zu spät sein.

Moritz Moser stammt aus Feldkirch, lebt und arbeitet als Journalist in Wien. Twitter: @moser_at