Wenn nur noch beten hilft

02.08.2019 • 14:48 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

„Sicher ist sicher“, und: Hilft’s nichts, so schadet‘s auch nicht“. Sätze wie diese haben wir alle schon oft gehört, manchmal wohl auch selbst gesagt oder zumindest im Stillen bei uns gedacht. Beten kann man immer, und: Beten – vor allem für Politikerinnen und Politiker – scheint derzeit irgendwie im Trend zu liegen. Sei es, dass man in der Wiener Stadthalle Segensgebete spricht oder online Gebetspatenschaften übernehmen kann. All das ist Wasser auf die Mühlen derer, die seit Jahren skandieren, dass Religion im öffentlichen Raum nichts zu suchen hat. Auch wenn man Initiativen wie die Online-Gebetsplattform für Politikerinnen und Politiker nicht ganz unkritisch sieht, so lassen sie in der medialen Öffentlichkeit dennoch aufhorchen.

Christsein ist nie Privatsache

Christin, Christ zu sein, ist nie Privatsache. Zu tief strahlen die großen Leuchttürme unseres Glaubens in unser Zusammensein als Menschen. Nur zwei Beispiele: Wer es mit der Schöpfung ernst meint, für den können Klima, Amazonien oder Regionalität keine Fremdworte sein. Für wen sich Nächstenliebe nicht nur hinter Buchstaben versteckt, für den ist Solidarität mit den Menschen des Südens selbstverständlich und das Massengrab Mittelmeer die humanitäre Katastrophe unserer Tage. Natürlich fängt das Christ-Sein zunächst bei jeder und jedem Einzelnen an. Und wir sollten uns glücklich schätzen, dass wir es nicht im Verborgenen sein müssen. Denn es sind Christinnen und Christen, die heute weltweit die meistverfolgte Religionsgruppe bilden.

Beten – im stillen Kämmerlein und öffentlich

„Wenn du betest, geh in deine Kammer und schließ die Türe zu,“ sagt Jesus im Matthäus-Evangelium (6,6). Neben diesem Gebet in den eigenen vier Wänden wurde in der Kirche seit je her auch öffentlich gebetet, besonders für Menschen, die Entscheidungen treffen und Verantwortung tragen. Das allein ist nichts Verwerfliches, im Gegenteil, es ist ein Auftrag für uns alle. Täglich bete ich für Menschen, die darum bitten. Wo aber das Geben und Entgegennehmen eines Gebets zum Zwang werden, wo jemand quasi überrumpelt wird, werden Grenzen überschritten. Die öffentliche Empörung ist deshalb in Teilen verständlich, aber eben nur in Teilen.

Beten ist Vertrauen

Das Fundament eines persönlichen Gebets sind die Freiheit und das Vertrauen in Gott. Wer betet, der lässt etwas los, der richtet sich neu aus, dem wird ein Stück seiner Last genommen, der verbindet sich mit Gott in seiner Freude und in seiner Sorge. Beten entlässt natürlich nicht aus der Eigenverantwortung, frei nach dem Motto: Ich lehne mich zurück. Ich habe ja schon gebetet.

Das Gebet ist vielmehr eine unerschöpfliche Kraftquelle. „Da hilft nur noch beten“, das ist für viele keine nur so daher gesagte Redewendung. Immer wieder erzählen mir Menschen, dass sie das in stillen, oft auch schweren Momenten erleben konnten. Denn manchmal hilft tatsächlich nur noch beten – und die Erfahrung, dass es befreit, sich jemandem anvertrauen zu können. Diese Erfahrung macht man übrigens meist offline.

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