Das Martyrium des kleinen Cain

Vorarlberg / 03.08.2019 • 08:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Norbert Schwendinger über die Ermittlungen in einem Mordfall, der zeitlos schockierend ist. VN/Hartinger

VN-Serie Teil 4: Der Leiter der Mordkommission erzählt.

Bregenz Es war eines der unfassbarsten Verbrechen in der Vorarlberger Kriminalgeschichte. Wie so oft standen die Ermittler auch hier zunächst vor einer unklaren Situation. „Am Abend des 8. Jänner 2011 ging die Mitteilung ein, dass in Bregenz-Vorkloster ein schwer verletztes Kind gefunden wurde“, erinnert sich Chefermittler Norbert Schwendinger.

Täter alarmierte Rettung

Der Anruf über den Notfall ging bei der Rettungs- und Feuerwehrleitstelle (RFL) ein. Beim Anrufer handelte es sich um Miloslav M. (25), jenen Mann, auf den sich die Ermittlungen als Verdächtigen in den nächsten Tagen konzentrieren sollten. Der arbeitslose Serbe in Frühpension war der Lebensgefährte der Mutter von zwei kleinen Buben und sollte während ihrer Abwesenheit auf die Kinder aufpassen.  Schwendinger: „Als die Beamten der Polizeiinspektion Bregenz am Tatort ankamen, hatte sich Miloslav M. schon abgesetzt. Sie trafen stattdessen den sechsjährigen Bruder des kleinen Cain an. Cain selbst lag regungslos in der Wohnung. Das dreijährige Kind erlag seinen schweren Verletzungen, die ihm offensichtlich durch Misshandlungen zugefügt worden waren. „Die Gespräche mit Cains Bruder, der unter Schock stand, haben nicht weitergeholfen. Aber offenbar wurde der Sechsjährige von Miloslav M. angewiesen, den Rettungskräften zu zeigen, wo Cain ist.“

Die folgenden Abklärungen des Landeskriminalamts fanden in Kooperation mit der Polizeiinspektion Bregenz statt. „Wir haben bei der Staatsanwaltschaft umgehend die Obduktion des Leichnams von Cain angeregt. Mit dem Erfolg, dass der erfahrene Gerichtsmediziner Walter Rabl aus Innsbruck nach Bregenz anreiste“, schildert Schwendinger.

Rabl wird das Schwurgericht später mit den Worten schockieren: „Sein Körper glich einem Trümmerfeld, ich habe so etwas noch nie gesehen.“ Tatsächlich hatte die Obduktion das erschütternde Bild eines gepeinigten kleinen Körpers ergeben, der den zugefügten schwersten inneren Verletzungen nicht gewachsen war. „Es stellte sich heraus, dass Cain schlussendlich an den Folgen fortlaufender Misshandlungen verstorben war“, sagt der Chefermittler. Und: „Zu einem früheren Zeitpunkt als am Todestag hätte zumindest die Chance bestanden, das Kind zu retten.“

„Nicht nachvollziehbar“

Es war relativ schnell klar, dass Miloslav M. der Peiniger war. Schwendinger: „Der Grund für seine brutalen Misshandlungen, die er auch an Cains Bruder, aber vor allem an Cain vollzog, ist einfach nicht nachvollziehbar. Als der Dreijährige einmal ohne zu fragen ein Joghurt aus dem Kühlschrank nahm, schlug der Täter zu. Meinen Kollegen gegenüber gab Miloslav M. bei der Einvernahme an, er habe nicht gewollt, dass Cain sich zu einem Dieb entwickeln würde.“ Überhaupt sei der Peiniger bei der Vernehmung nicht einsichtig geworden, habe alles verharmlost und die Schuld auf den Kleinen abgeschoben.

Noch in der Nacht des Todes von Cain sei die Kindesmutter, die als Kellnerin arbeitete, ausgemacht und informiert worden. „Sie war psychisch beeinträchtigt und ein Gespräch mit ihr schwierig“, erinnert sich Schwendinger. Die Frau litt selbst unter der Brutalität des Beschuldigten, hatte aber Angst und wollte eben das Beste daraus machen. Sie wurde später ebenfalls zur Rechenschaft gezogen. Auch sie musste sich schließlich vor Gericht verantworten und wurde wegen Quälens und Vernachlässigens Unmündiger zu 30 Monaten Haft, zehn Monate davon unbedingt, verurteilt. 

Party gefeiert

Miloslav M. war an Cains Todestag mit dem Auto der Mutter des Kindes zu Kollegen aus der Suchtgiftszene ins benachbarte Appenzell gefahren und hatte mit ihnen Party gefeiert. „Obwohl sein Aufenthalt zunächst unklar war, gelangten wir zu Kontaktadressen des Verdächtigen im Appenzell und informierten unsere Schweizer Kollegen. Einer von ihnen fuhr in der Nacht die Umgebung des Zielortes mehrmals ab und sichtete schließlich das Auto. Mit Hilfe von Schweizer Grenadieren (Spezialisten wie die österreichische Cobra) kam es dann zu einer regelrechten Bilderbuchfestnahme des Verdächtigen.“ Miloslav M. wurde Ende März 2012 am Landesgericht Feldkirch zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt.