Harald Walser

Kommentar

Harald Walser

Ehrung überfällig!

Vorarlberg / 04.08.2019 • 18:17 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Gegen den Nationalsozialismus Widerstand zu leisten, war lebensgefährlich. Und die Anerkennung für diese mutigen Frauen und Männer nach 1945? Lange Zeit eine sehr schwierige Angelegenheit, teilweise bis heute. Im Montafon beispielsweise wird derzeit eine Debatte über dieses Thema geführt. Der Anstoß dafür kam von außen.

Klaus Fuchs-Kittowski stammt aus einer Berliner antifaschistischen Familie, sein Vater wurde schon zu Beginn der NS-Zeit eingesperrt, die Mutter starb, als er vier Jahre alt war. Auch sein Großvater, der Theologe Emil Fuchs, war im Widerstand aktiv. Er überlebte wohl nur, weil er sich und seinen Enkel nach Gortipohl in Sicherheit brachte und dort Unterstützung erhielt. Auch die heute in Tel Aviv lebende fast hundertjährigen Inge Ginsberg überlebte, weil ihr und ihrer Familie im Montafon geholfen wurde und die Flucht über die Berge in die Schweiz gelang.

Fluchthilfe

Ihr Überleben verdanken beide dem Schuster Stefan Spannring und dem Metzger und „Schmugglerkönig“ Meinrad Juen, der in zumindest 42 aktenkundigen Flüchtlinge sicher in die Schweiz gebracht hatte.

Dass Spannring und seine Männer gegen Kriegsende zu den Rettern der Illwerke wurden, indem sie rechtzeitige die Sprengsätze aus den Munitionsdepots beim Vermuntwerk entfernten und somit die bereits angeordnete Sprengung verhinderten, rundet das Bild um diese Widerstandskämpfer ab.

Nicht wenige Fluchthelfer erhielten von Flüchtlingen übrigens Geld, so auch Meinrad Juen. Sind die Helfer also nur das, was man heute als „Schlepper“ bezeichnet? Frau Ginsberg weist das zurück. Von Juen weiß man, dass er auch ohne Bezahlung geholfen hat. Er habe das unter Einsatz seines Lebens gemacht und zudem oft die Schweizer Grenzposten bestechen müssen: „Sie hätten uns sonst zurückgeschickt.“ Juen wurde wegen Fluchthilfe von der Gestapo verhaftet, konnte fliehen und sich fast drei Jahre bis Kriegsende verstecken.

Ehrenbürgerschaft

Fuchs-Kittowski und Ginsberg haben einen Wunsch: Spannring, Juen und andere Mitglieder der Montafoner Widerstandsbewegung sollen in St. Gallenkirch mit der Ehrenbürgerschaft ausgezeichnet werden. Diesbezügliche Schreiben haben die Verantwortlichen schon vor einiger Zeit erhalten, aber bislang nicht beantwortet.

Wer sich übrigens ein Bild von der Dramatik so einer Flucht über die Berge machen will, dem seien die Ende August stattfindenden „Theater-Wanderungen“ mit dem „Teatro Caprile“ von Gargellen aus ans Herz gelegt: „Fluchtwege in der NS-Zeit“.

Es ist höchst an der Zeit, den Wunsch der Überlebenden zu erfüllen und nicht nur allgemein den Widerstand gegen die Nazis zu würdigen, sondern auch die Personen. Stefan Spannring und Meinrad Juen haben es verdient. Gerade in Zeiten wie diesen wäre eine Ehrung für die beiden ein wichtiges Zeichen.

„Sind die Helfer also nur das, was man heute als ,Schlepper‘ bezeichnet?“

Harald Walser

harald.walser@vn.at

Harald Walser ist Historiker, ­ehemaliger Abgeordneter zum ­Nationalrat und AHS-Direktor.