Reinhold Bilgeri

Kommentar

Reinhold Bilgeri

Heiland

Vorarlberg / 07.08.2019 • 07:59 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

13. Jänner 2018, O-Ton Vizekanzler Strache : „Keine der beiden Regierungsparteien hat die Absolute – hätten wir die absolute Mehrheit, no jo. . . dann könnten wir‘s wie der Orban machen. . . nit?“ Genau. Und ganz nüchtern. Wie kurz davor in Ibiza, keine „bsoffene Gschicht“ sagt Frau Ammann, sondern Chuzpe und Hybris in der Vorfreude auf Macht und Pfründe. Wir sahen, mit baffem Erstaunen, die Entzauberung des politischen Inventars einer Partei. Und nicht nur wir, die ganze Welt hat‘s gesehen.

„Rethorisch führt Kurz keinen Wahlkampf mehr, sondern hält religiöse Weihefeiern ab.“

Von solchen Lümmeln möchte ich nicht regiert werden, sagte sie damals. Wir hatten uns schon zerknirscht auf zehn Jahre türkisblaues Harmonietheater eingestellt – und dann sprengen sich zwei Protagonisten in vertrottelter Anmaßung selbst in die Luft, das hätte nicht mal Gerda Rogers so gesehen.

Hardcorewähler

Aber das Nachspiel ist noch verheerender. Statt einer Art Revolte des Gewissens blieb nur Wut auf die Fallensteller, denen sie ins Messer liefen. Das Verblüffendste aber: die Reaktion der Hardcorewähler. So einen wollen wir. 70 Prozent seiner Anhänger reklamieren Strache tatsächlich wieder in politische Funktionen. Wie ticken diese Leute bloß?, fragt Frau Ammann. Ist es nur blinde Wut über den Machtverlust ihrer Führer oder passt das Zackzackkonzept eh ins eigene Profil? Offensichtlich präferieren sie tatsächlich ein Orban-Programm, das nach einem türkisen Sieg gar nicht so unwahrscheinlich scheint.
Kurz hat ja „keine Lust auf Koalitionen“, alle Medien gern unter Kontrolle, scheut das Parlament wie der Teufel das Weihwasser (er ist lieber bei den Menschen draußen) und träumt von ungestörter Alleinherrschaft. Die Politologin Natascha Strobl resümiert im Standard: „Rhetorisch führt Kurz keinen Wahlkampf mehr, sondern hält religiöse Weihefeiern ab.“

Angeschreddert

Helmut Brandstätter (Ex-Kurier-Chef) weiß aus eigener Erfahrung, dass Kurz Journalisten für ein Mittel zum Zweck hält. „Entweder wir bringen den Kurier auf Linie oder der Verantwortliche muß weg – gleichzeitig liefen Beschwerden bei den Eigentümern ein.“ Kurz wähnt sich dank seiner Umfragewerte immun und inszeniert sich abwechselnd als Heiland oder „angepatztes“ Opfer (Schredderaffäre) einer linkslinken Kamarilla, genau wie weiland Jörg Haider.
Wenn Kurz sich nach der Wahl wieder mit den Blauen, von Hofer vermeintlich silanisiert, ins Bett legt, könnte einem angst und bang werden, ganz abgesehen vom immensen Schaden für Österreichs internationale Reputation.

Reinhold Bilgeri
reinhold.bilgeri@vn.at
Reinhold Bilgeri ist Musiker, Schriftsteller und Filmemacher, er lebt als freischaffender Künstler in Lochau.