Begrenzte Kinderbetreuung

09.08.2019 • 19:51 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Weniger als die Hälfte der Vorarlberger Kindergärten ist ganztägig geöffnet.

SCHWARZACH Vorarlberger Wirtschafts- und Arbeitnehmervertreter fordern einen beherzten Ausbau der Kinderbetreuung, während die Landesrätinnen Katharina Wiesflecker (Grüne) und Barbara Schöbi-Fink (ÖVP) betonen, dass man gut unterwegs sei. Ein Widerspruch? Nein: Die Obfrau des Vorarlberger Familienverbandes, Doris Simma, bestätigt im Gespräch mit den VN, dass in den letzten Jahren sehr viel passiert ist. Besonders im ländlichen Bereich seien fehlende Angebote, zahlreiche Schließtage und beschränkte Öffnungszeiten aber noch immer ein Problem, wie sie hinzufügt.

Vorarlberg ist Schlusslicht

Ein bundesweiter Vergleich der Öffnungszeiten bestätigt dies. Durchgeführt hat ihn die Statistik Austria, veröffentlicht ist er in der „Kindertagesheimstatistik 2018/19“. Ergebnis: Österreichweit sind 68,8 Prozent der Kindergärten acht und mehr Stunden pro Betriebstag geöffnet; das sind zwei Drittel. In Wien sind es mit 99,9 Prozent praktisch alle. Am anderen Ende der Liste rangiert Vorarlberg: Hierzulande sind 43 Prozent der Kindergärten ganztägig verfügbar; das ist weniger als die Hälfte. Bei den Krippen bzw. Betreuungseinrichtungen für Kleinkinder sind die Verhältnisse kaum besser: Hier sind in Vorarlberg 53,9 Prozent zumindest acht Stunden geöffnet. In Österreich insgesamt handelt es sich um 73,2 Prozent.

Da sieht auch der Vorarlberger Familienverband Handlungsbedarf: Man verstehe sich als Sprachrohr aller Familien, betont Simma. Gemeint sind damit nicht nur diejenigen, die es sich erfreulicherweise leisten können, dass ein Elternteil länger zu Hause bleibt, oder diejenigen, die das Glück haben, mit Angehörigen zusammenzuleben, die sich um den Nachwuchs kümmern können. Simma denkt darüber hinaus etwa an alleinerziehende Mütter: Vor allem sie seien auf ausreichende Angebote angewiesen.

Ist eine Betreuungseinrichtung keine acht Stunden pro Tag geöffnet, ist ein Vollzeit-Job für junge Mütter schier unmöglich. Andererseits: Immer wieder unangenehm kann es laut Simma in der Praxis auch für Teilzeitbeschäftigte werden. Die zweifache Mutter verdeutlicht dies an einem „einfachen Beispiel“: Wenn sich durch einen Wandertag die übliche Beginnzeit von 7.30 Uhr auf neun Uhr verschiebe, müssten sich Erziehungsberechtigte, die zur Überbrückung eine Kinderbetreuung brauchen, extra melden. „Da steht man plötzlich als Bittsteller da“, kritisiert Simma. „Da wäre ein generelles Umdenken nötig.“

Die Familienvertreterin sieht einen vielschichtigen Ausbaubedarf, er sei nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ. Selbst in Wien gebe es durchaus auch Eltern, die mit dem Angebot nicht zufrieden seien. Ihre Kinder hätten demnach zwar einen Platz mit tollen Öffnungszeiten. Die Betreuung selbst lässt jedoch zu wünschen übrig.

Maßnahmen gefordert

Dass vor allem auch aus der Wirtschaft großer Druck kommt, Kinderbetreuungsangebote auszubauen, hat eigene Gründe; nach einer Analyse der stellvertretenden Leiterin des Wirtschaftsforschungsinstitutes Wifo, Margit Schratzenstaller, kann aber auch das nicht weiter überraschen: „Die Bereitstellung von Betreuungseinrichtungen ist letztlich auch eine Standortfrage“, sagt sie. „Das Erwerbspotenzial der Frauen wird in Österreich nur unzureichend ausgeschöpft: Fast die Hälfte der Frauen arbeitet Teilzeit, häufig mit relativ geringen Wochenstunden.“ Hinzu komme, dass Frauen in zukunftsträchtigen Berufen aus den Bereichen Mathematik, Information, Naturwissenschaften und Technik unterrepräsentiert seien.

Um ihr Potenzial besser nutzen zu können, bedürfe es folglich vieler Maßnahmen – „im Bildungs- und Ausbildungsbereich, auf Unternehmensebene, aber eben auch in Form eines ausreichenden Betreuungsangebots“. JOH

„Vor allem alleinerziehende Mütter sind auf ein ausreichendes Angebot angewiesen.“