Die Horrornacht von Nenzing

Vorarlberg / 10.08.2019 • 07:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Norbert Schwendinger über den Amoklauf und eine Tat, die anders war als andere. PAULITSCH

VN-Serie Teil 5: Der Leiter der Mordkommission erzählt.

Nenzing Die menschliche Katastrophe brannte sich als ein entsetzliches Mal in die Vorarlberger Kriminalgeschichte ein: In der Nacht auf Sonntag, den 22. Mai 2016, feuerte der 27-jährige Gregor S. auf einem Festivalgelände in Nenzing mit einer „Zastava“, einem Kalaschnikow-Nachbau, in die Menge. Zwei Menschen starben im ziellosen Kugelhagel, zwölf weitere erlitten größtenteils schwerste Verletzungen, in einem Fall eine Querschnittlähmung. Mit einem letzten Schuss richtete sich der Amokläufer noch vor Ort selbst.

Norbert Schwendinger, dem Leiter der Mordkommission, wurde es bereits in der Nacht mitgeteilt. „Im Telefonat mit der Polizei vor Ort bin ich über einen Vorfall in Nenzing mit mehreren Toten informiert worden und hörte dabei schon am Lärm im Hintergrund, was da los war.“ Sofort wurden zahlreiche Beamte des Landeskriminalamts zusammengezogen. „Als wir mit einem Staatsanwalt am Tatort ankamen, war das Gelände bereits weitläufig abgesperrt. Zugang hatten nur noch die Einsatzkräfte“, erinnert sich Schwendinger.

Schock und Panik

Es bot sich ein erschreckendes Bild. „Es herrschte Panik, viele noch anwesende Besucher standen verständlicherweise unter Schock, zahlreiche Rettungskräfte versorgten bereits die Verletzten. In diesen Stunden gingen so viele Notrufe bei den Polizeiinspektionen von Bludenz bis Bregenz ein, dass gar nicht alle entgegengenommen werden konnten“, schildert der Chefermittler. Und doch war ein glücklicher Umstand im Spiel: „Normalerweise sind hier nur wenige Sektorenstreifen der Polizei unterwegs. In der Tatnacht fand jedoch gerade eine Alkohol-Schwerpunktaktion in der Nähe statt, wodurch eine größere Anzahl von Beamten zur Verfügung stand und rasch einschreiten konnte.“  

Nur dadurch sei es möglich gewesen, den tumultartigen Aufruhr schnell unter Kontrolle zu bringen. Unmittelbar nach den tödlichen Schüssen beherrschte Panik die Situation. „In ihrer Todesangst flüchteten die Menschen in alle Richtungen, liefen auf die Geleise, stiegen über den Stacheldraht und irrten ziellos auf der Autobahn umher“, beschreibt Schwendinger die infernalen Minuten nach dem Amoklauf. „Auch die Polizeikräfte standen einem großen Risiko gegenüber, denn eine Eisenbahnunterführung bot die einzige mögliche Zufahrt zum Gelände. Und die Beamten wussten zu diesem Zeitpunkt schließlich noch nicht, was sie dahinter erwartete.“ Würde auch sie ein Kugelhagel erwarten?

Eine Einsatzzentrale wurde eingerichtet. Schwendinger: „Es war mir wichtig, dass alle Zeugen ausgemacht und ihre Personalien festgestellt werden. Hier spricht der Mordkommissions-Chef den uniformierten Kollegen/innen ein sehr großes Kompliment aus: „Die Ersteinschreitenden haben hervorragende Arbeit geleistet!“ Über 300 Personen wurden befragt. Es habe sich gezeigt, dass sämtliche Befragten erleichtert darüber waren, sich ihr Leid von der Seele reden zu können. Dass sie eine Art Feedback von der Polizei über das Erlebte bekamen.“

Streit mit der Partnerin

Eine Kronzeugin war die noch anwesende Freundin von Gregor S., mit dem sie ein gemeinsames Kind hatte. „Wie sich bei ihrer Befragung ergab, waren sie und ihr Freund am Vorabend zunächst auf getrennten Veranstaltungen unterwegs, auf dem Festival in Nenzing haben sie sich dann getroffen, wobei es zu ersten Auseinandersetzungen zwischen ihnen kam“, so der Chefermittler. Jedenfalls habe Gregor S. irgendwann zu Fuß die Veranstaltung in Richtung seiner Firma in Nüziders verlassen. „Er war stark alkoholisiert und wurde sogar noch von einer Polizeistreife kontrolliert. Aber man musste ihn zu diesem Zeitpunkt ja weitergehen lassen“, merkt Schwendinger an.

Es ließ sich rekonstruieren, dass Gregor S. in Nüziders in ein Firmenauto gestiegen war, dann zu seiner Wohnung nach Braz fuhr, wo er vermutlich die Waffe holte, später wieder zum Festivalgelände fuhr und bei der Unterführung parkte. Erneut geriet er mit seiner Freundin in einen Streit, holte die Langwaffe aus dem Auto und feuerte damit mehr als 30 Schüsse ab. „Er hat aber seine Partnerin bewusst verschont“, stellte Schwendinger fest. Sich selbst jedoch nicht.

Die rechtsextremen Neigungen des Amokläufers waren bekannt, das bezeugten auch die anschließend sichergestellten Depositen in seiner Wohnung. Sein wahres Motiv für die Tat wird niemals ergründet werden können. Schwendingers Fazit: „Auch wenn ich es vorher eher nicht für möglich gehalten hätte, dieser Vorfall hat uns vor Augen geführt, dass so etwas auch bei uns passieren kann.“