Narren und Helden

Vorarlberg / 14.08.2019 • 17:05 Uhr / 5 Minuten Lesezeit

Gleich zweimal stand das ungleiche Paar Don Quijote und Sancho Pansa bei den Bregenzer Festspielen auf der Bühne. Einmal in der Oper, das andere Mal im Schauspiel. Beide Stücke basieren auf dem berühmten Roman von Miguel de Cervantes, geschrieben Anfang des 17. Jahrhunderts. Die Inszenierungen versuchten den Stoff – mehr oder weniger freizügig – in die Gegenwart zu transferieren. Das Buch handelt von einem verrückt gewordenen spanischen Adeligen, dem die Lektüre von Ritterromanen den Kopf so sehr verwirrt hat, dass er selbst als fahrender Ritter durch die Lande zieht, obwohl die Zeit des Rittertums längst vorbei ist. Ein umgedrehter Topf aus Pappendeckel dient ihm als Helm, ein altersschwaches Hauspferd als Schlachtross. Begleitet wird er von seinem Knappen Sancho Pansa, dessen Name man mit „heiliger Bauch“ übersetzen kann.

Ein klares Ziel vor Augen

Don Quijote und Sancho Pansa sind Narren. Der Ritter kämpft gegen ein feindliches Heer, das sich jedoch als eine Hammelherde herausstellt. Er zieht in die Schlacht gegen Riesen, doch es sind nur Windmühlen. Sein Knappe durchschaut den Wahnsinn seines Herrn, steht aber zu ihm, denn er erwartet sich eine stattliche Belohnung für seine Gefolgschaft. Die meisten ihrer Abenteuer wollen nur unterhalten. Und doch entwickeln sie eine beachtliche Symbolik. Don Quijotes Kampf steht für den verzweifelten Kampf so vieler, gegen übermächtige Kräfte, auch für den Kampf gegen falsche Feinde und eingebildete Gefahren. Die offenkundigen Narreteien der beiden enthalten eine ethische Botschaft: Der Ritter zieht aus, um die Witwen, Waisen und Jungfrauen zu schützen und zu retten. Das Vorhaben endet meistens damit, dass Don Quijote vom Pferd fällt und Sancho Pansa verprügelt wird. Und doch verschaffen sie sich mit jedem lächerlichen Auftritt Respekt, wegen ihrer unbedingten Treue zum Guten, zum Edlen, zum Ritterlichen. Die beiden verlieren fast immer, und doch sind sie Helden, weil sie geradlinig einem Ziel folgen und sich durch nichts korrumpieren lassen.

Komisch, tragisch und erhaben

Miguel de Cervantes, der uns die Abenteuer von Don Quijote und Sancho Pansa erzählt, war selbst ein Abenteurer und Herumtreiber. Dass er mit seinem Buch ethisch-moralische Anliegen verbreiten wollte, ist zu bezweifeln. Er hat sich eher lustig gemacht über den Trend seiner Zeit, das Rittertum unreflektiert zu kopieren, was zur Verdummung führt. Aber seine erfundenen Figuren sind trotzdem zu wahren Helden geworden. Am deutlichsten wird das an der Liebe Don Quijotes zu seiner angebeteten Dulcinea, der Herrin seines Herzens. Ihr ist Don Quijote in jungen Jahren einmal begegnet. Sie taucht im Buch aber niemals auf. Don Quijote stirbt, ohne sie wiedergesehen zu haben. Und doch vollbringt er all seine Heldentaten nur um sie zu ehren in einer Welt, in der Versuchung, Verrat und Hinterlist an der Tagesordnung sind. Er bleibt seiner großen Liebe treu. Weil sie in Wahrheit nur eine Projektion ist, ist das komisch und tragisch zugleich. Und trotz der Lächerlichkeit dieser Liebe trägt sie Züge des Erhabenen an sich, und macht Don Quijote zu einem wirklichen Ritter, wirklicher als alle ritterlichen Nachahmer.

Narr um Christi willen

Das Christliche hat manchmal etwas Närrisches an sich. Stellt es sich der Weisheit dieser Welt entgegen, dann riskiert es zu scheitern, es kann sich lächerlich machen und zum Gespött werden. Wer für die Rechte anderer eintritt, kann auf die Nerven gehen. Wer einem Geschlagenen beisteht, kann selbst Hiebe bekommen. Das Leben einer christlichen Gesinnung, das Bewahren des reinen Herzens, das Üben der Nächstenliebe, all das führt keinesfalls immer zu Sieg und Erfolg. Manchmal wird man wie Don Quijote, wie Sancho Pansa, zum Narren. Der Apostel Paulus beschreibt sich selbst als „Narr um Christi willen“ (1. Korinther 4,10), weil er in aller Einfalt zum gekreuzigten Christus hält, während seine weisen Gegner viel klügeren Erkenntnissen folgen. „Das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen, die verloren werden; uns aber, die wir selig werden, ist es Gottes Kraft.“ (1. Korinther 1,18)

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