Schindeln ist im Bregenzerwald wieder modern

Vorarlberg / 30.08.2019 • 10:35 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Albert Hager stellt Schindeln in seiner Werkstatt selbst her. L.BERCHTOLD

Die kleinen Holzbrettchen gelten im Bregenzerwald als noble Verkleidung der Häuser.

Mellau Sie sind lange haltbar, einfach und schnell auszuwechseln und schützen die darunterliegende Fassade: Schindeln. Für den Bregenzerwälder Baustil ist das Schindelkleid der Häuser charakteristisch. In der modernen Architektur hält diese Art der Fassadengestaltung immer mehr Einzug. „Die Schindeln erleben seit den letzten zehn bis 15 Jahren eine Renaissance im Bregenzerwald“, sagt der Schwarzacher Architekt Hermann Kaufmann. Aufgrund des Zuwachses von Schindelherstellern werden die dünnen Holzbrettchen kostengünstiger und somit auch für den sozialen Wohnbau leistbar. Entscheidend ist das richtige Format von Schindeln. Große Schindeln seien billiger, aber kleine haben laut Hermann Kaufmann eine noblere Struktur. „Im Bregenzerwald sind die Schindeln immer schon die noble Verkleidung der Häuser gewesen“, sagt der 64-jährige Architekt.

Die Schindelherstellung

Im Bregenzerwald hat die Schindelherstellung im 19. Jahrhundert begonnen. Damals wurde in Vorarlberg die Produktion von Nägeln, die für das Schindeln notwendig sind, industrialisiert. Die Fassade aus Holz war bis in die 1960er-Jahre Bestandteil der Bregenzerwälder Baukultur. Zwischen den 1960er-und 80er-Jahren wurde der Großteil der Häuser aus Beton oder Ziegeln gebaut und verputzt. „Das war ein Widerstand gegen die herkömmliche Baukultur“, sagt Hermann Kaufmann. „Die Schindeln sind in den 90er-Jahren erneut aufgekommen.“ Seitdem werden laut Kaufmann verschiedene Gestaltungmöglichkeiten für Hausfassaden entworfen, zum Beispiel runde Bauformen mit Holzschindeln.

In Vorarlberg gibt es nur wenige Hersteller der dünnen Holzbrettchen. Einer von ihnen ist Albert Hager aus Mellau. „Als ich 1994 begonnen habe, hatte das Schindeln einen altmodischen Ruf.“ Etwa ein Viertel der Brettchen produziert er mit Hilfe von zwei selbstständigen Schindlern.

Die Holzschindeln werden durch Spaltung aus Holzstammabschnitten gefertigt. „Die Entstehung einer traditionellen Schindel beginnt mit der Auswahl des richtigen Holzes“, erklärt Albert Hager. „In Frage kommt nur Holz aus hochgelegenen Bergregionen, das langsam gewachsen ist. Dieser feinjährige Wuchs mit eng beieinanderliegenden Jahresringen garantiert eine lange Haltbarkeit.“ Schindeln halten laut Albert Hager je nach Holzart bis zu 80 Jahre. Wichtig ist auch der Zeitpunkt der Schlägerung. Schindelholz wird nur in den Wintermonaten geschlägert. In Vorarlberg kommen unter anderem Fichten, Lärchen und Eichen für die Produktion zum Einsatz, während in nördlichen und östlichen Ländern auch Kiefern und Espen zu Holzschindeln verarbeitet werden. „Bei uns wachsen zu wenig Lärchen. Darum müssen wir Lärchenholz-Schindeln aus Polen, Slowakei und Tschechien zukaufen“, erklärt der Mellauer.

Die Schindeln erleben seit den letzten zehn bis 15 Jahren eine Renaissance

Hermann Kaufmann
Architekt

Sieben Angestellte

Für das Anbringen der Schindeln an die Fassade hat Albert Hager sieben Angestellte. Zu Beginn war sein Ziel 1000 Quadratmeter Hausfassadenfläche pro Jahr zu schindeln. „Mittlerweile sind es bis zu 15.000 Quadratmeter Fläche pro Jahr“, informiert Hager. Darunter sind Einzelaufträge mit Flächen bis zu 3000 Quadratmetern. Etwa das Hotel „Die Wälderin“ in Mellau hat eine Fassadenfläche von 2000 Quadratmetern.

„Heute ist das Schindeln in der modernen Architektur im Bregenzerwald nicht mehr wegzudenken, sagt Albert Hager. „Das Schindeln ist etwas Besonderes.“ VN-SAB