„Es war wie im Ausnahmezustand“

Vorarlberg / 02.09.2019 • 07:00 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Während seines Amoklaufs schoss der 29-jährige Bregenzer in einer Bankfiliale einen Angestellten an. Paulitsch, Überwachungskamera
Während seines Amoklaufs schoss der 29-jährige Bregenzer in einer Bankfiliale einen Angestellten an. Paulitsch, Überwachungskamera

VN-Serie Teil 8: Der ehemalige Leiter der Mordkommission erzählt.

Bregenz Es war am 18. September 2017. In Lauterach und Bregenz herrschte für Stunden helle Aufregung. Einsatzwagen der Polizei durchstreiften die Gegend. Verzweifelte Anrufe gingen bei den örtlichen Inspektionen ein, die Telefone der Polizei liefen heiß. „Eltern, Lehrer und Kindergartenpersonal wollten wissen, ob man noch die Häuser verlassen kann. Es war wie im Ausnahmezustand“, erinnert sich Norbert Schwendinger, damals Leiter der Mordkommission.

Schuss in Hinterkopf

Der Schrecken nahm in einem Linienbus seinen Anfang. „Ein 29-jähriger Passagier benahm sich bereits während der Fahrt von Hard nach Lauterach sonderbar. Dann schoss er plötzlich einem weiblichen, 69-jährigen Fahrgast mit einer Luftdruckpistole in den Hinterkopf und bedrohte mit der Waffe auch die Busfahrerin“, so der ehemalige Chefermittler. Einer weiteren 15-jährigen, an der Bushaltestelle wartenden Frau und der Verletzten gelang bei einer Lauteracher Haltestelle die Flucht, der Schütze verließ kurz den Bus, doch die Chauffeurin schloss geistesgegenwärtig die Fahrzeugtüren.

Der offensichtlich geistesgestörte Täter lief zunächst in unbekannte Richtung davon. Schwendinger: „Wie er dann nach Bregenz gekommen ist, wissen wir leider nicht. Mit dem Zug dürfte er nicht gefahren sein, es gab keine Videoaufzeichnungen.“  Inzwischen war die Alarmfahndung im Gange und die Öffentlichkeit informiert. Deshalb die Panik. Dann die Meldung über ein weiteres Schussattentat. In einer Bregenzer Sparkassenfiliale wurde einem Bankangestellten gleich mehrmals in den Kopf geschossen. Es war derselbe Täter.

Schwendinger: „Dieser Umstand war uns am Anfang noch nicht bewusst. So gingen wir zunächst von zwei verschiedenen Tätern aus.“ Doch die deutlichen Bilder der Überwachungskamera der Bregenzer Bank räumten jeden Zweifel aus. „Die Beschreibung des Schützen durch die Lauteracher Zeugen konnte eindeutig dem Täter in der Sparkassenfiliale zugeordnet werden“, zeigte sich der Chefermittler damals erleichtert. „Es hat sich auch nicht um einen Banküberfall gehandelt. Aber es ist nicht nachvollziehbar, warum der Täter den Angestellten, der übrigens lebensgefährlich verletzt wurde, angeschossen hatte.“

Paranoide Schizophrenie

Spätestens jetzt wurde klar, dass der Mann amtsbekannt war. Nach der inzwischen eingeleiteten Öffentlichkeitsfahndung gingen Hinweise ein. „Passanten erkannten den Gesuchten schließlich beim städtischen Bahnhof“, so Schwendinger. Die Handschellen klickten. Der Verhaftete wurde ins Landeskrankenhaus Rankweil eingeliefert. Gerichtspsychiater Reinhard Haller attestierte dem 29-jährigen Bregenzer eine paranoid-halluzinatorische Schizophrenie. Er ist schlussendlich nicht verurteilt, sondern für unbestimmte Zeit in eine Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher eingewiesen worden.