Wolfgang Salzgeber: Im Herzen ist er immer noch Älpler

Vorarlberg / 04.09.2019 • 15:30 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Das Bild zeigt Wolfgang Salzgeber als Hirte auf der Alpe Grasjoch im Montafon.

Wolfgang Salzgeber verbrachte 20 Sommer als Hirte auf der Alpe. Einmal überlebte er einen Blitzschlag nur knapp. 

St. Gallenkirch Im Herzen ist er immer noch Älpler, obwohl er längst wieder im Tal lebt und dem Alpleben bereits im Jahre 1998 aus familiären Gründen den Rücken kehrte. Wolfgang Salzgeber (59) ist der Sohn eines Mannes, der 40 Jahre auf die Alpe ging. „Als ich acht Jahre alt war, durfte ich zum ersten Mal den ganzen Sommer beim Däta auf der Alpe bleiben“, erinnert er sich.

Von seinem Däta lernte Wolfgang nicht nur das Hüten, Melken und Brösel (Anm.: Riebel) machen, sondern auch die geheimen Zeichen der Natur zu lesen. „Mir sagt die Natur, wie das Wetter wird.“ Als der Montafoner noch als Alphirte arbeitete, orientierte er sich immer an der Sonne, am Mond und am Vieh. „Wenn die Sonne am Morgen blass ist, kommt ein Gewitter. Wenn der Mond einen ,Hof`‘ hat, also eine Korona, ist das Wetter in spätestens drei Tagen schlecht“, gibt er eine Kostprobe seines Wissens. Auch das Verhalten des Viehs war dem Alphirten immer ein Wegweiser. „Wenn die Rinder husten, kommt Schnee. Wenn sie ruhig sind und das Wetter genießen, dann schlägt das Wetter um.“ Sohn Markus, ein Landwirt, vertraut seinem Vater voll und ganz. „Ich frage Däta oft, wie das Wetter wird. Er täuscht sich nie, hat immer recht.“

Manchmal sehnt sich Wolfgang Salzgeber nach dem Alpleben zurück.

Wolfgang kam auf der Alpe nicht nur ohne Wetterbericht, sondern auch ohne Uhr aus. „Ich habe mich an der Sonne orientiert und wusste fast immer, wie spät es ungefähr ist. Wenn ich falsch lag, dann höchstens um eine halbe Stunde.“ Auf der Alpe lernte er, auch aus primitivsten Mitteln etwas zu machen. „Aus Erlenzweigen machte ich Besen, aus Tannenzweigen Reinigungsbürsten für die Pfannen.“ Überhaupt war das Alpleben zu seiner Zeit noch sehr einfach. Auf der Alpe Vergalden, wo er zwölf Sommer lang als Hirte arbeitete, gab es weder eine Toilette noch eine Dusche. „Einmal in der Woche wanderten meine zwei Kleinhirten und ich auf die tiefer gelegene Alpe, um dort zu duschen und uns frisch anzuziehen.“ Auch Strom gab es keinen auf der Hütte. „Wir hatten eine Gaslampe. Aber wir brauchten sie nicht, da wir ins Bett gingen, wenn es dunkel wurde.“  

Die Arbeit des Hirten war zu Wolfgangs Zeiten herausfordernder als heute. Denn: „Damals war das Vieh noch nicht eingezäunt.“ Wolfgang und seine zwei Kleinhirten mussten auf 200 Stück Vieh aufpassen und mit ihm von Weide zu Weide ziehen. „Wir waren den ganzen Tag bei den Tieren, auch bei Regen und Kälte“, zeigt er die harte Seite des Alplebens auf. Bei Gewittern, Schneefall und Hagel mussten die Hirten besonders achtsam sein. „Denn dann bestand die Gefahr, dass die Tiere abstürzen.“ Wolfgang verlor in den 20 Jahren, in denen er Hirte war, nicht mehr als fünf Rinder durch Absturz, Krankheit oder Blitzschlag.

Der Blitz schlug in diese Hütte ein und verletzte Wolfgang Salzgeber. Er war damals neun Jahre alt.
Der Blitz schlug in diese Hütte ein und verletzte Wolfgang Salzgeber. Er war damals neun Jahre alt.

Apropos Blitzschlag: Als Neunjähriger wäre Wolfgang beinahe von einem Blitz getötet worden. Er war mit seinem Vater und seinem jüngeren Bruder in der Alphütte, als ein Blitz einschlug. „Das Letzte, an das ich mich erinnern kann, ist, dass ich vor dem Herd kniete, um zu schauen, ob das Feuer noch brennt.“  Er kam erst wieder im Bett zu sich, in das ihn sein Vater gelegt hatte. Der Arzt, der ihn später untersuchte, entdeckte eine Brandwunde an seiner Leiste und rote Striemen an seinem Rücken. „Mir hatte sich der Nylon-Pullover eingebrannt. Der Doktor meinte, ich hätte großes Glück gehabt, dass ich überlebt habe. Er meinte, dass wir alle tot sein hätten können, so wie unsere Kuh, die bei der Hütte stand und vom Blitz erschlagen wurde.“

„Die Natur hat uns im Griff. Wir werden sie nie beherrschen.“

Wolfgang Salzgeber, ehemaliger Älpler

Seither hat der Montafoner Respekt vor der Natur. „Sie hat uns im Griff. Wir werden sie nie beherrschen.“ Die Natur war für ihn der größte Lehrmeister. „Sie hat mich Zufriedenheit gelehrt.“ Auch von ihrer Schönheit ist er fasziniert. In den Alpsommern zeigte sie sich ihm von ihrer schönsten Seite. „Sie bot mir jeden Tag ein anderes Bild. Ich habe vieles gesehen, was andere nicht sehen: wunderschöne Sonnenauf- und -untergänge und einen Panoramablick, der seinesgleichen sucht.“ Wolfgang genoss auch die Ruhe auf den Bergen. Das ging so weit, dass er im Tal keine Menschenansammlungen mehr ertrug.  Auch das Vieh machte dem tierliebenden Mann Freude. „Es kannte mich. Wenn ich es rief, kam es.“ Manchmal sehnt sich der Montafoner nach dem Leben am Berg. „Dann wandere ich auf die Alpe Vergalden. Dort hat mein Sohn sein Vieh.“

Das Foto wurde am Tag danach aufgenommen. Am Vortag wäre Wolfgang beinahe vom Blitz getötet worden.
Das Foto wurde am Tag danach aufgenommen. Am Vortag wäre Wolfgang beinahe vom Blitz getötet worden.