Moritz Moser

Kommentar

Moritz Moser

Anschluss gegen Anschluss

Vorarlberg / 07.09.2019 • 06:59 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Vor 100 Jahren erhielt Österreich von den Alliierten des Ersten Weltkriegs die Letztversion des Friedensvertrags von St. Germain en Laye, der am 10. September 1919 unterzeichnet wurde. Für Vorarlberg bedeutete er das endgültige Ende des Traums vom Anschluss an die Schweiz. Das Land wurde im Vertragstext nicht einmal erwähnt, die erste Bestimmung lautete allerdings: „Die Grenzen Österreichs werden wie folgt festgesetzt … Gegen die Schweiz und gegen Liechtenstein: Die gegenwärtige Grenze.“ Der „Feldkircher Anzeiger“ erklärte am 6. September 1919 lapidar: „Die Frage des Anschlusses an die Schweiz ist damit erledigt.“

Die Anschlusseuphorie war zu diesem Zeitpunkt bereits deutlich abgekühlt. Die Schweiz hatte die Akquisition Vorarlbergs aus innenpolitischen Überlegungen nicht weiterverfolgt und die Alliierten wollten das von ihnen zusammengestutzte Österreich nicht noch weiter verkleinern. Medial wurde nun vor allem das ebenfalls verhängte Anschlussverbot an das Deutsche Reich beklagt. Ein Kommentator der „Landeszeitung“ meinte, es gebe dort Millionen Arbeitswilliger, die bald für einen Wirtschaftsaufschwung sorgen würden. Durch eine Zusammenarbeit mit Deutschland wären „die Aussichten für Handel, Gewerbe und Industrie“ für Vorarlberg in Österreich besser „als in der kleinen Schweiz.“ Deshalb werde „Deutschösterreich, das sich der Juden im Innern erwehrt und sich ans erstarkte Deutschland anlehnt, eine Zukunft haben.“

Der zunehmend mit dem Antisemitismus verknüpfte Deutschnationalismus war damals so verbreitet, dass davon ausgegangen werden darf, dass jene 19 Prozent der Vorarlberger, die im Mai 1919 gegen den Anschluss an die Schweiz gestimmt hatten, eher einen Anschluss an das Deutsche Reich als einen Verbleib bei Österreich im Sinn hatten. Dafür spricht auch die Position der Sozialdemokraten und der Deutschnationalen. Deren Tageszeitung, das „Vorarlberger Tagblatt“, verurteilte eine Parisreise von Vorarlberger Politikern, die mit einer Intervention bei den Alliierten den Anschluss an die Schweiz retten wollten, als „Wallfahrt“. Man habe „trotz Schweizer Kondensmilch und Zwiebacksäcken … den festen Glauben an eine Deutsche Zukunft nie verloren“. Gleichzeitig würde man „des Wiener Gängelbandes mit Freuden entsagen“. Das „Tagblatt“ gab sich überzeugt, dass das Anschlussverbot an Deutschland „nichts weiter ist als ein Stück Papier“. Das Ergebnis dieser Politik ist heute bekannt. Allerdings hätten 1919 wohl wenige darauf getippt, dass Vorarlberg 100 Jahre später noch immer österreichisch und wirtschaftlich erfolgreich sein würde.

Moritz Moser stammt aus Feldkirch, lebt und arbeitet als Journalist in Wien. Twitter: @moser_at