Wolfgang Burtscher

Kommentar

Wolfgang Burtscher

Kommt der Anstand wieder?

Vorarlberg / 09.09.2019 • 04:59 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Ein Tugend, die in unserer Spaßgesellschaft lange als altmodisch galt, feiert in diesem viel zu langen Wahlkampf eine Wiedergeburt: Anstand. In den letzten Tagen haben gleich zwei höchst unterschiedliche Politikerinnen dafür plädiert: Neos-Spitzenkandidatin Beate Meinl-Reisinger hat in der Diskussion der Bundesländerzeitungen und der „Presse“ in Salzburg den Anstand in der Politik vermisst.

Die heimische Multitaskerin (Gemeinde, Land, Kandidatur Nationalrat) Nina Tomaselli nennt nach Klima und Wohnbaupreisen die Rückkehr des Anstands als wichtigstes Anliegen. Das ist neu.

Wie der Grazer Soziologe Manfred Priesching jüngst (in der „Kleinen Zeitung“) geschrieben hat, „kam dem Politikbetrieb das abhanden, was man einst politischen Anstand nannte“. Mit Ibiza als traurigem Höhepunkt.

Man kann es schwer definieren, aber man erkennt es, wenn man es sieht.

Auch die Reaktion von Markus Wallner auf Ibiza („moralischer Abschaum“) war emotional verständlich, eine anständige Wortwahl war das nicht. Mir fällt auch der schon einmal von mir zitierte Feldkircher Neujahrsredner von 2018 ein.

Der deutsche Journalist Axel Hacke hat davon gesprochen, dass nicht bloß eine Woge der Anstandslosigkeit um die Welt gehe, es tobe ein Ozean. Das beginne bei alltäglichen Situationen im Straßenverkehr und an der Kasse des Supermarkts mit Pöbeleien und einem sich Vordrängeln und habe seinen Höhepunkt beim Wahlkampf Donald Trumps erreicht. Er habe seine Gegnerin Hillary Clinton solange verleumdet, bis viele tatsächlich glaubten, irgendetwas werde schon dran sein. Der zweite prominente Lügenbaron, Boris Johnson, hatte sich damals noch nicht so hervorgetan.

Axel Hacke hat keinen Lösungsvorschlag parat, wie wir wieder zu mehr Anstand kommen. Er möchte, dass wir wieder über Anstand nachdenken. Das haben unsere Spitzenpolitiker zumindest bei der zitierten Salzburger Diskussion getan. Da wurde kultiviert über Sachthemen diskutiert, ohne sich gegenseitig anzuschütten. Über Klimapolitik, aber auch über die Situation des ländlichen Raumes, Landflucht und aussterbende Ortschaften – ein Thema, das ich noch in keiner Diskussion der letzten Zeit wahrgenommen habe.

Die Frage „Wer mit wem nach der Wahl?“ hat in dieser Diskussion eine neue Dimension erhalten, als Kurz unerwartet freundliche Worte über Pamela Rendi-Wagner fand („gebildete, kämpferische Frau, die als Gesundheitsministerin gut mit uns zusammengearbeitet hat“). Werden hier die gegenseitigen Animositäten angesichts der immer weniger hoffähigen FPÖ – siehe den Auftritt von Ursula Stenzel bei einem Aufmarsch der rechtsextremen Identitären am Samstag in Wien – zu Grabe getragen? Zumal sich auch ehemalige Landeshauptleute von Schwarz und Rot (Pröll, Pühringer, Häupl) angeblich für eine Wiederbelebung dieser beim Volk nicht sonderlich beliebten Koalition stark machen, der amtierende rote Kärntner Landeshauptmann Kaiser sogar ganz offiziell.

Die kommenden Wahldiskussionen werden jedenfalls zeigen, ob die Wiedergeburt des Anstands länger anhält. Nochmals Manfred Priesching: „Ohne ‚Minimalanstand’ geht Demokratie nicht, und dieses politische System ist mittlerweile auch in der westlichen Welt bedroht. Mit dem Anstand ist es ähnlich wie mit der Pornografie; einem bekannten Wort zufolge gilt: Man kann es schwer definieren, aber man erkennt es, wenn man es sieht.“

Wolfgang
Burtscher
wolfgang.burtscher@vn.at
Wolfgang Burtscher, Journalist und ehemaliger ORF-Landes­direktor, lebt in Feldkirch.