Schulanfang: Alleinerzieherin muss tief in die Tasche greifen

Vorarlberg / 09.09.2019 • 10:30 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Nadine Volz mit ihren Söhnen Dennis (r.) und Mikaiel. KUM

Der Schulanfang reißt der zweifachen Mutter Nadine Volz ein großes Loch ins ohnehin schmale Budget.

Dornbirn Nadine Volz (32) kämpft sich tapfer durchs Leben. Sie weiß, wofür sie kämpft: Die gebürtige Lindauerin hat zwei Söhne. Dennis (10) und Mikaiel (12) gehen der alleinerziehenden Mama über alles. Sie sind das Wichtigste in ihrem Leben. „Auf mich schaue ich gar nicht so. Bevor ich mir etwas kaufe, kaufe ich den Kindern etwas.“ Weil das Geld knapp ist, geht sie dort einkaufen, wo es günstig ist: in Deutschland. Diese Woche musste sie ihren Söhnen zwei neue Schultaschen besorgen. „Die alten waren kaputt.“ Außerdem benötigten ihre Buben zum Schulanfang Federschachteln, Stifte und neue Haus- und Turnschuhe. „Aus den alten sind sie herausgewachsen.“ Das riss ein großes Loch in ihr ohnehin schmales Budget. „Ich spare, wo es nur geht“, tut Nadine ihr Möglichstes, um sich und ihre Kinder durchzubringen.

Schwierige Kindheit

Fürs Essen braucht die zweifache Mutter nicht so viel Geld. Sie erklärt warum: „Ich arbeite in der Aqua-Küche in der Messe Dornbirn. Wir kochen für Kindergärten, Schulen und Firmen. Wenn Essen übrig bleibt, kann ich einen Teil davon mit nach Hause nehmen.“ Das schätzt Nadine sehr. Überhaupt verdankt die ungelernte Frau der gemeinnützigen Gesellschaft Aqua Mühle viel. Als Langzeitarbeitslose bekam sie dort eine Chance und konnte als Hilfsarbeiterin arbeiten. Derzeit lässt sie sich zur Köchin ausbilden. „Ich mache eine verkürzte Lehre und besuche gerade die Landesberufsschule in Lochau.“ Dieser Beruf spricht sie an. „Man kann kreativ sein.“

Dass Nadine in ihrer Jugend keine Lehre absolvierte, hängt mit ihrer schwierigen Kindheit zusammen. Nadine wurde in zerrütteten Verhältnissen groß. Sie verliebte sich mit 17 und zog mit dem Mann zusammen. Mit 19 wurde sie von ihm schwanger. Die Beziehung zerbrach vor drei Jahren. Seither ist Nadine, die mit ihren Söhnen in einer Gemeindewohnung lebt, auf sich allein gestellt.

„Ich muss für meine Jungs ein Vorbild sein. Denn ich will, dass sie auch etwas lernen und erreichen.“

Nadine Volz
Alleinerzieherin

Der Alltag der Alleinerzieherin ist anstrengend. Seit sie die Berufsschule besucht, beginnen ihre Tage bereits um fünf Uhr. Aber die Ausbildung ist ihr wichtig. Denn: „Ich muss für meine Jungs ein Vorbild sein. Ich will, dass sie auch etwas lernen und erreichen.“ Die Kraft für den Alltag holt sie sich von den Kindern. „Sie treiben mich an. Ich will, dass sie das erreichen, was sie sich wünschen.“

Einmal das Meer sehen

Dennis (10) möchte Fußballprofi werden. „Und wenn das nicht geht, werde ich Trainer“, ist ihm klar, dass sein Ziel sehr hoch gesteckt ist. Seine Mutter weiß um die Träume ihres Jüngsten, auch um jene, die er schon lange hegt. „Er würde sich zum Beispiel gerne ein Spiel in der Allianz-Arena in München anschauen. Leider können wir uns das nicht leisten“, bedauert sie. Auch Mikaiel (12), ihr Großer, hat seine Träume. Er würde gerne einmal das Meer sehen und am liebsten nach Italien reisen. „Dort sieht es schön aus. Auf dem Handy meiner Mutter habe ich einen tollen Strand gesehen.“

Sie sind sich unentbehrlich und halten fest zusammen: Nadine Volz und ihre zwei Söhne.

Nadines Augen werden feucht. Es schmerzt sie, dass sie ihren Kindern vieles nicht bieten kann und sie sich wie sie nach der Decke strecken müssen. „Ich bekomme kein Urlaubs- und kein Weihnachtsgeld. Das Geld, das ich habe, brauche ich zum Leben. Ich kann nichts auf die Seite legen“, rechtfertigt sie sich vor sich selbst. Aber eines hofft sie für Mikaiel, der mit einer Fußfehlstellung zur Welt kam: Dass er tatsächlich einmal seinen Traumberuf ergreifen kann. „Mikaiel kann hervorragend zeichnen. Er möchte Zeichenlehrer werden.“ Deshalb ist sein Lieblingsfach in der Schule auch Werken. „Darauf freue ich mich wieder“, hat der Zwölfjährige nichts dagegen, dass die Schule wieder beginnt. Auch sein Bruder ist voller Vorfreude. „Ich freue mich aufs Rechnen und auf die Schulkollegen.“ Die Brüder besuchen das Sonderpädagogische Zentrum Dornbirn. Heuer kommen sie in die fünfte bzw. sechste Klasse. „Jeder wird nach seinem Bedarf gefördert“, ist die Mutter dankbar, dass ihre Söhne, die an einem Entwicklungsrückstand leiden, in dieser Schule gut aufgehoben sind. Die Ferien klingen bei allen aber noch nach, vor allem bei den Buben. Freudestrahlend erzählen sie von ihren Aktivitäten im Rahmen der Ferienbetreuung. „Wir haben Kuchen gebacken und Lipgloss hergestellt. Am tollsten war es aber in der Kletterhalle.“