Kräftiger Temperaturanstieg lässt Bregenz wie Melbourne werden

Vorarlberg / 12.09.2019 • 06:00 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Arbeit bei Glutofentemperaturen. Der Klimawandel mit vielen Hitzetagen könnte einen anderen Arbeitsrhythmus notwendig machen. VN/Paulitsch

Erhöht sich die Temperatur bis 2080 um 4,2 Grad, ändert sich das Leben nicht nur in der Landeshauptstadt.

Bregenz Es sind Szenarien, die erschrecken. Aber sie beruhen auf realistischen Analysen, die der Weltklimarat getätigt hat. Schaffen wir es weltweit nicht, die Erwärmung auf zwei Grad zu begrenzen, droht bis 2080 ein Temperaturanstieg um circa 4,2 Grad. Die Folgen davon sind beträchtlich. In Mitteleuropa würde sich nicht nur das Klima verändern, sondern auch der ganze Lebensstil. Mithilfe eines sogenannten Klimadoppels lassen sich dabei bemerkenswerte Vergleiche anstellen. So würde es im Falle einer Erwärmung um 4,2 Grad 2080 in Frankfurt so warm werden wie jetzt in Malawi. München hätte ein Klima wie das kirgisische Karakol.

40 Hitzetage im Sommer?

Auch für Bregenz wurde ein Klimadoppel errechnet. Die Vorarlberger Landeshauptstadt hätte 2080 klimatische Bedingungen, wie sie derzeit in der australischen Metropole Melbourne herrschen. Konkret: Die durchschnittliche Tageshöchsttemperatur im wärmsten Monat würde von derzeit 21,5 auf 26,2 Grad steigen, die Regenmenge pro Jahr ginge ebenso dramatisch zurück wie die Heiztage. Dabei ist Bregenz bei weitem nicht der heißeste Ort in Vorarlberg. Dafür sorgt auch der Bodensee. An den buchstäblichen Brennpunkten des Landes wie etwa Meiningen oder Lustenau drohen in den 90 Tagen Sommer bis zu 40 Hitzetage mit Temperaturen über 30 Grad.

Soziales Problem

„Die Folgen der Erwärmung würden sich auch in der Art der Hitzewellen zeigen. Diese kämen häufiger vor und würden länger dauern“, weiß Klimaanalytiker Simon Tschannett (43). Der Sulner, dessen Klimaexpertisen immer mehr Kommunen in ihre Raumplanung einfließen lassen, entwirft das Szenario eines veränderten Lebens, das eine dramatische Erderwärmung auch bei uns nach sich ziehen würde.

„Eine scharfe Klimaveränderung hätte gravierende soziale Folgen. Wohlhabende könnten sich Maßnahmen gegen die Hitze in ihrem unmittelbaren Lebensumfeld leisten, ärmere Menschen nicht. Bei denen gäbe es mehr Krankheiten und dadurch auch mehr Arbeitsausfälle.“

„Eine scharfe Klimaveränderung hätte auch gravierende soziale Folgen.“

SimonTschannett, Klimaexperte

Neuer Lebensrhythmus

Auch die gesamte Lebenskultur würde laut Tschannett einschneidende Veränderungen erfahren. „Viele Menschen wären nicht mehr in der Lage, bei großer Hitze während des Tages zu arbeiten. Der Arbeitsrhythmus würde sich nach hinten zum Abend hin verlagern. Das wiederum würde auch Anpassungen in den Bereichen Arbeitsrecht, Arbeitszeiten, Kollektivverträge erfordern.“

Tschannett empfiehlt besonders im städtischen Bereich eine Raumplanung, die den Klimawandel mitberücksichtigt. „Wir werden eine Zusammenarbeit von Architekten, Kultur- und Sozialanthropologen brauchen, um all das zu meistern, was klimabedingt auf uns zukommt“, ist Tschannett überzeugt.

Vorarlberg sieht er klimatisch auch im Falle düsterer Szenarien noch begünstigt. „Durch die Berge ergeben sich Windverhältnisse, die eine kühlende Wirkung entfalten.“

Dennoch wird es auf lange Sicht auch bei uns wärmer. Sollten die schlimmsten Annahmen Realität werden, „dann würden wir Hitzesommer wie die jüngsten im Vergleich zu anderen noch als angenehm einordnen“, entwirft Tschannett eine wenig erfreuliche Zukunftsperspektive.