Barmherzigkeit Gottes ist Jesu Personalausweis

Vorarlberg / 13.09.2019 • 15:06 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Propstei St. Gerold

Propstei St. Gerold

Im Evangelium dieses Sonntags erzählt Jesus der verärgerten religiösen Elite sei-ner Zeit, der seine Großherzigkeit ein Dorn im Auge ist, die drei eindrücklichen Gleichnisse vom verlorenen und wiedergefundenen Schaf, von der verlorenen und wiedergefundenen Drachme sowie vom verlorenen Sohn. Jesus will mit diesen drei Erzählungen ins Bewusstsein bringen, dass Gott ein unvergleichbarer Freund und Verteidiger des Lebens ist, über alle Irrungen und Wirrungen, die es mit sich brin-gen kann, hinweg. Gott hat kein Interesse am Scheitern, Misserfolg und Niedergang des Menschen. Er will, dass er das Leben hat, dass er es versöhnt, blühend und in Fülle hat. Allein deshalb hat er ihn ins Dasein gerufen! Barmherzigkeit gehört zu den Schlüsselthemen der christlichen Verkündi-gung. Papst Franziskus meinte einmal: „Man kann sagen, die Barmherzigkeit Gottes ist Jesu Personalausweis.“ Barmherzigkeit ist auch im Islam der erste und wichtigste der 99 Namen Gottes. Jede der 114 Suren des Korans (bis auf Sure 9) beginnt mit „Im Namen Gottes, des barmherzigen und gnädigen“ und erinnert die Gläubigen unablässig daran, dass Güte und Wohlwollen zu den ersten und wichtigsten Wesenseigenschaften des Gottesgeheimnisses gehören.

Geburtshelfer des Lebens

Das Wort „barmherzig“ hat die Bedeutung von „leidend im Herzen“ oder „mitleidig von Herzen“. Das lateinische „miseri-cors“ meint jemanden, der ein Herz für die Elenden hat. Der Urheber der Schöpfung weiss als Barmherziger also darum, dass der Mensch gleichsam ein Projekt in Prozess ist, ein Geschöpf, das nicht perfekt und vollkommen, sondern körperlich, geistig und spirituell in Entwicklung, im Wachsen und Reifen ist und bleibt. Und er trägt diese „Geburtswehen“ der Evolution und auch des menschlich-spirituellen Erwachsenwerdens mit. Er hat Mitleid mit dem Menschen, der unter seiner mit zahlreichen Grenzerfahrungen konfrontierten Existenz leidet. Ein Schöpfer, der diesen Weg des Werdens, Wachsens und Reifens über Jahrmillionen für seine Geschöpfe zulässt – auch in Bezug auf die spirituelle Wesenseigenschaft des Menschen, seine Liebesfähigkeit, Empathie und Dienstbereitschaft – kann nicht anders, als seinem innersten Wesen nach „Geburtshelfer“ dieses Lebens, sprich barmherzig, geduldig, nachsichtig, verzeihend, aufbauend und motivierend sein.

Diesbezüglich wäre es spannend, die authentischen Jesusworte einmal auch mit Blick auf die spirituelle Evolution des Menschen zu lesen und auszule-gen, derer sich Jesus als sein Schöpfer vollauf bewusst war und die seine Verkün-digung in Wort und Tat geprägt hat. So weist er mehrfach unmissverständlich auf die Weite und Güte des Schöpfers hin, etwa wenn er den ängstlichen und engher-zigen Petrus daran erinnert, nicht siebenmal, sondern „siebzigmal siebenmal“ zu vergeben, wenn jemand einen Fehler macht und ihm gegenüber schuldig wird (vgl. Mt 18,21f.). Jesus wusste um das Prozesshafte der menschlichen Natur, um die Notwendigkeit des Scheiterns, Versagens, Lernens, Begreifens und Verinnerli-chens.

Lebensbejahende Botschaft

Weil wir Menschen menschlich und (noch) nicht göttlich sind, sind wir auch zu al-len Zeiten versucht, Gott seiner Größe zu berauben, ihn zu vermenschlichen. Aber Gottes Wege sind nicht unsere Wege und seine Logik ist nicht unsere Logik! Auch die Barmherzigkeit Gottes übersteigt immer das Maß menschlicher Vorstellung und Fehlverhaltens. „Niemand kann der verzeihenden Liebe Gottes Grenzen setzen. Es gibt auch keine Sünde, die Gott nicht vergeben kann! Keine!“ Deutlicher und ver-bindlicher als mit diesen Worten von Papst Franziskus kann die Kirche dem Men-schen von heute in den vielfältigen Versuchungen, Schwierigkeiten und Versagen nicht mitteilen, dass ihre Botschaft eine menschenfreundliche und lebensbejahen-de ist und dass ihre einzige Rechtfertigung darin besteht, im Dienst des werdenden und sich entwickelnden Lebens zu stehen. Damit wir diese frohe Botschaft nicht aus dem Blick verlieren und damit wir nicht vergessen, sie in derselben Deutlichkeit und Verbindlichkeit zu leben, haben wir in der Propstei St. Gerold die von unserem Pfarrer Pater Christoph Müller initiierte „Pforte der Barmherzigkeit“ über das Jahr der Barmherzigkeit 2016 hinaus als kraft-volles Zeichen der Erinnerung und Vergegenwärtigung bestehen lassen. Vielleicht finden Sie gelegentlich die Zeit, einen Abstecher ins malerische Große Walsertal zu machen und die heilsame Pforte der Barmherzigkeit, die Gott jedem Menschen je-derzeit offenhält, in Ruhe und mit Bedacht zu durchschreiten.

Pater Kolumban Reichlin, Propst von St. Gerold.
Pater Kolumban Reichlin, Propst von St. Gerold.