Was Dornbirn mit Hitlers Tagebüchern zu tun hat

Vorarlberg / 14.09.2019 • 06:05 Uhr / 10 Minuten Lesezeit
Gerd Heidemann präsentiert die Hitler-Tagebücher auf einer großen Pressekonferenz. Rechts: Auszug aus dem Polizeiprotokoll zu Kujaus Aufenthalt in Dornbirn. DPA/VN

Tagebuch-Fälscher Konrad Kujau flüchtete 1983 für eine Woche nach Dornbirn. Die VN begaben sich auf Spurensuche.

Schwarzach Dornbirn im September 2019. Bis auf das Rauschen des Straßenlärms von der nahen Hauptstraße ist es ruhig in der Siedlung. Helle Reihenhäuser und graue Betonbunker stehen sich gegenüber, Balkon reiht sich an Balkon, auf einem sitzt eine Frau, blickt in die Ferne, sie raucht. Hier irgendwo wohnt Maria M., von der Öffentlichkeit unbeachtet. Eine VN-Anfrage bleibt unbeantwortet; wer kann es ihr verübeln. 35 Jahre ist es her, als gefühlt alle Medienanfragen der Welt auf sie einprasselten, als sie ungewollt Teil des bisher größten deutschen Medienskandals wurde.

April 1983, Hamburg, Verlagshaus Gruner+Jahr. 200 Journalisten aus aller Welt drängen sich, um einen Blick auf die Sensation zu erhaschen. Das deutsche Magazin Stern hat einen Scoop angekündigt, den Heiligen Gral der Medienwelt, die Aufdeckung einer weltweiten Sensation. „Hitlers Tagebücher entdeckt“, prangt auf der Titelseite. Die Geschichte des Dritten Reichs müsse neu geschrieben werden, erklärt Chefredakteur Peter Koch. 9,3 Millionen D-Mark zahlte der Verlag für 60 Tagebücher. Schon am Erscheinungstag werden Zweifel laut. Handelt es sich bei der größten Sensation der deutschen Pressegeschichte um eine Fälschung?

Mai 1983, Autobahngrenze Hörbranz/Lindau. Konrad Kujau wartet auf die deutsche Polizei. Es ist das Ende einer einwöchigen Flucht vor dem Rummel, der sich anbahnt, als klar wird, dass Hitlers Tagebücher gefälscht sind. Seine Flucht führte ihn nach Dornbirn. Konrad Kujau ist der Fälscher.

Eine Nachbildung von Kujaus Schreibtisch.

Maria M. wird 1950 in Kärnten geboren. Nachdem sie in Fabriken arbeitet, zieht sie mit ihren Eltern nach Dornbirn. Ende 1971 stellt sie das Tanzlokal Wagner, an dessen Stelle 14 Jahre später das Darling eröffnet als Bardame an. Ende 1973 kündigt M. und zieht mit einer Freundin nach Stuttgart. Dort lernt sie bei ihrer Arbeit in der Sissy-Bar Konrad Kujau kennen.

Kujau ist ein Meister seines Fachs. Schon als Kind fälscht er Autogramme von prominenten Politikern und verkauft sie auf dem Schulhof. Es gibt nichts, was er nicht fälscht: Briefe von Stalin, Otto von Bismarck und Paul von Hindenburg, eine Erklärung Voltaires an König Friedrich II., er fälscht Bilder, Stahlhelme aus dem Weltkrieg, das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland. Außerdem malt er zahlreiche Bilder im Namen von Adolf Hitler. Noch heute ist ein amerikanisches Standardwerk mit Hitlers Kunst im Umlauf, in dem zahlreiche Kujau-Gemälde zu finden sind. Eine bekannte Fälschung ist das Bild der Geli.

Marc-Oliver Boger, Inhaber des Kujau-Kabinetts, erklärt, wie es zur Geli gekommen ist.
Marc-Oliver Boger zeigt die Geli.

Schnell merkt Kujau, wie lukrativ Hitler-Fälschungen sind, was ihn mit dem Stern-Journalisten Gerd Heidemann zusammenbringt. Mehrere Jahre schreibt Kujau Hitler-Tagebücher, am Ende sind es 60 Stück. Über neun Millionen D-Mark sollen geflossen sein. Wo das Geld steckt, ist ungeklärt. Noch immer führt es Schatzsucher nach Dornbirn. Dort taucht Kujau am 7. Mai 1973 auf.

Tags zuvor wird es fix: Die Tagebücher mit den Initialen „FH“ stammen nicht von Adolf Hitler. Laut Ermittlungsakten reist Maria M. jedes Jahr am Muttertag zu ihren Eltern nach Dornbirn. Nachdem Conny, wie sie ihren Freund nennt, verreisen möchte, schlägt M. vor, mit ihr nach Vorarlberg zu fahren. Das Privatleben der Kujaus ist kompliziert. Als er M. kennenlernt, ist er mit Edith L. bereits liiert. Sie folgt den beiden am 8. Mai nach Dornbirn.

Eine Seite einer Kopie von der Fälschung von Hitlers Tagebuch mit Übersetzung.

Kujau übernachtet am 7. Mai im Hotel Krone. Am Sonntag stößt Edith L. dazu. Am Montag reist das Trio nach St. Gallen, wo Kujau zum letzten Mal Heidemann anruft und lügt: Er sei gerade in Prag. Diese Reise sorgt für Mythen: Hat Kujau dort die Millionen versteckt?

Am Dienstag trifft Kujau im Hotel Krone seinen Anwalt. Der Privatsphäre wegen verlagern sie ihr Gespräch später in die Wohnung von M.s Eltern. Am Abend läuft die ZDF-Sendung Panorama, in der der Fall aufgerollt wird. M. gibt später an: „Conny blieb über Nacht in meiner elterlichen Wohnung in Dornbirn, ebenfalls die Edith.“ L. hingegen berichtet, in dieser Nacht das Zimmer in der Krone gewechselt zu haben. Am Mittwoch zieht das Trio ins Hotel Andreas Hofer um.

Eine weitere Seite einer Kopie von der Fälschung von Hitlers Tagebuch mit Übersetzung.

Am Donnerstag ist Christi Himmelfahrt. Die Gruppe unternimmt einen Ausflug, „um auf andere Gedanken zu kommen und uns selbst abzulenken“, erklärt L. der Polizei. „Wir sind praktisch um den gesamten Vorarlberg herumgefahren.“ Am Abend wird in den Nachrichten erstmals ihr Name erwähnt. Ab jetzt übernachten alle bei M.s Eltern. Am Freitag kontaktiert Kujau den Staatsanwalt und erklärt, sich stellen zu wollen. Am Samstag, 14. Mai 1983, wartet er am Grenzübergang nach Lindau auf die Polizei. Maria M. und Edith L. bleiben noch ein paar Tage im Land.

Konrad Kujau wird im Juli 1985 wegen Betrugs zu vier Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt, Heidemann muss vier Jahre und acht Monate hinter Gitter, Edith L. bekommt acht Monate auf Bewährung aufgebrummt. Kujau nützt danach seine Popularität und malt als eigener Künstler. Am 12. September 2000 stirbt er in Stuttgart. Maria M. und ihre Eltern wohnen immer noch in Dornbirn. Mit ihnen ein Stück Pressegeschichte.

Chronologie

1973 Stern-Reporter Gerd Heidemann kauft die ehemalige Yacht von Hermann Göring. Er will die „Carin II“ restaurieren und weiterverkaufen. Er verschuldet sich zunehmend.

November 1975 Konrad Kujau bietet einem schwäbischen Sammler ein erstes „Hitler-Tagebuch“ an.

Januar 1980 Der schwäbische Sammler erzählt Heidemann von einer Sensation: dem „Hitler-Tagebuch“. Er stellt den Kontakt zu Konrad Kujau alias Konrad Fischer her.

27. anuar 1981 Der Verlagschef des Stern bewilligt zwei Millionen Mark für den Ankauf der Tagebücher und beschließt, die Chefredaktion vorerst nicht einzuweihen.

28./29. Januar 1983 Heidemann besucht Kujau. Schnell werden sich die beiden handelseinig: Kujau soll die angeblich existierenden 27 Tagebuch-Bände aus der DDR beschaffen.

13. Februar 1981 Kujau übergibt Heidemann die ersten drei Bände. Heidemann zahlt in bar, ohne Quittung – der Verlag gibt 85.000 Mark pro Band aus, im späteren Prozess wird Heidemann vorgeworfen, maximal 60.000 Mark an Kujau gezahlt und den Rest unterschlagen zu haben.

April/Mai 1981 Erste Hinweise auf eine Fälschung: Historiker Eberhard Jäckel warnt in einer Fachzeitschrift vor Hitler-Dokumenten aus dubioser Quelle.

25. April 1983 Auf einer Pressekonferenz verkündet der Stern den sensationellen Fund: Hitlers Tagebücher seien entdeckt worden.

28. April 1983 Der Stern Nr. 18/1983 erscheint – Aufmacher: Die Hitler-Tagebücher.

6. Mai 1983 Die Nachrichtenagenturen melden, dass es sich bei den Hitler-Tagebüchern um Fälschungen handelt.

7. Mai 1983 Konrad „Fischer“ wird durch Stern-Recherchen als Konrad Kujau enttarnt.

Juni 1985 Prozess gegen Heidemann und Kujau. Der Fälscher wird zu vier Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt, Reporter Heidemann erhält zwei Monate mehr.

Die VN-Redakteure Felix Holzer (l.) und Michael Prock begaben sich auf Spurensuche ins Kujau-Kabinett.
Marc-Oliver Boger mit einem Selbstporträt von Konrad Kujau.

Alles begann mit einer Schatzkarte

Bietigheim-Bissingen Als kleiner Junge wollte Marc-Oliver Boger eine selbstgezeichnete Schatzkarte möglichst alt aussehen lassen. „Meine Eltern meinten, ich solle doch einfach mal beim Herrn Kujau anrufen, der wohnt ja gleich in der Nähe“, erzählt er. Konrad Kujaus Tipp: Schwarztee.

Ein Museumsrundgang

Über 30 Jahre später hat Boger seinem damaligen Helfer ein eigenes Museum gewidmet: das Kujau-Kabinett. Seit 2002 hat der Antiquitätenhändler mehr als 1000 „echte Kujaus“ zusammengesammelt, darunter Kopien, Fälschungen, Karikaturen, aber auch persönlche Gegenstände aus dem Nachlass des im Jahr 2000 verstorbenen Malers. Der Besucher sieht nicht nur unterschiedliche Fälschungen mit Bezug zum Dritten Reich, etwa Görings Marschallstab, auch historische Dokumente wie den Aufmarschplan Wallensteins oder die Gründungsurkunde der DDR befinden sich in den Vitrinen. Selbst der Schreibtisch des Meisterfälschers sowie die Staffelei mit der unvollendeten Kopie von August Mackes „Dame in grüner Jacke“ sind ausgestellt.

Marc-Oliver Boger erklärt, wie er zu Kujau gekommen ist.
Marc-Oliver Boger vor seinem Kabinett.

Boger beschreibt im Gespräch mit den VN einen besonderen Trend. Mittlerweile werden selbst die Bilder von Kujau gefälscht, besonders im asiatischen Raum. So wird Boger immer wieder als Experte hinzugezogen, wenn es um die Frage geht: Ist diese Fälschung ein „Original“ von Kujau oder eine „Fälschung“? So schön kann sich ein Kreis schließen.

Das Kujau-Kabinett

Kujau-Kabinett, Bahnhofstraße 55, 74321 Bietigheim-Bissingen, jeden Sonntag von 14 bis 18 Uhr geöffnet, www.kujau-kabinett.de, Kontakt: info@kujau-kabinett.de

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