Ruth-Maria Baumann: Aus einer engen Welt ausgebrochen

Vorarlberg / 15.09.2019 • 08:00 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Buchautorin Ruth-Maria Baumann brachte es beruflich weit. Sie leitet heute eine Firma. BAUMANN

Ruth-Maria Baumann hat ein Buch geschrieben. Weil sie ihre Geschichte aufarbeiten wollte und anderen Mut machen will, den eigenen Weg zu gehen.  

Schwarzach Ruth-Maria Baumann (56) wuchs in Langenegg auf, einem 1000-Seelen-Dorf im Bregenzerwald. Ihr Vater war Wald- und Jagdaufseher, ihre Mutter betrieb zuhause eine kleine Landwirtschaft und vermietete Zimmer an Gäste. Obwohl Baumann von ihrer Mutter geschlagen wurde – „an mir zerbrachen Kochlöffel“ – hat sie ihre Kindheit, zumindest bis zum neunten Lebensjahr, in schöner Erinnerung. „Ich war oft im Wald, habe mit meinem Bruder und meinem Cousin Baumhütten gebaut und Beeren gesammelt.“

Ihre Mutter erlebte Baumann als sehr fromm. „Sie hat um alles gebetet. Einmal sagte sie zu mir: ,Mit Beten kann man alles erreichen.‘“ Mit elf Jahren begann die Tochter die Frömmigkeit der Mutter zu hinterfragen. „Ich habe zu zweifeln angefangen.“ Auch mit den Erbstreitigkeiten innerhalb der Verwandtschaft, dem Misstrauen gegenüber allem Fremden und der Sparsamkeit der Eltern kam das Mädchen nicht zurecht. „Es wurde gespart, wo es nur ging. Wir sind nie in den Urlaub gefahren. Zur Erstkommunion trug ich ein Kleid, das meine Mutter von jemanden ausgeliehen hatte.“

Fremd in der eigenen Familie

Je älter Baumann wurde, umso fremder fühlte sie sich in der eigenen Familie und in der Dorfgemeinschaft. „Ich fühlte mich nicht zugehörig, weil ich anders dachte und viele Dinge anders sah.“ Die Schule meisterte das Mädchen spielend. „Der Lehrer sagte, dass ich eine Koryphäe sei.“ Zuhause hörte man das nicht gerne. Dort war man der Meinung, dass Töchter nichts zu lernen brauchen. „Meine Mutter vertrat die Ansicht, dass ich zum Heiraten nicht so intelligent sein müsse.“ Baumann, die mit 16 Bücher von C. G. Jung und Erich Fromm verschlang, hätte gerne das Gymnasium besucht, so wie ihr Bruder Rudolf*. Aber sie wusste, dass ihr Wunsch nie in Erfüllung gehen würde. „Das war, als ob ich nach den Sternen hätte greifen wollen.“

Ihrem zwei Jahre älteren Bruder Rudolf wurde der Gymnasiumbesuch zum Verhängnis. Seine Eltern haben ihn in ein katholisches Internat gesteckt. „Dort wurde er missbraucht“,  glaubt seine Schwester, die mit Rudolf „ein Herz und eine Seele war“. Jedenfalls veränderte sich ihr Bruder binnen kurzer Zeit komplett. „Er war ein äußerst lustiger und schelmischer Bub. Dann wurde er immer verschlossener und seltsamer.“ Eines Tages entdeckte sie ihren damals 13-jährigen Bruder in der Scheune. „Rudolf hatte einen Strick am Balken angebracht und sagte zu mir: ,Ich kann nicht mehr.‘“ Ab da hatte Baumann Höllenangst um ihn und die ganze Familie. „Ich dachte, dass er ein Blutbad anrichtet.“ Rudolf war 21, als er seinem Leben mit einer Schrotflinte ein Ende setzte. Drei Monate lang weinte seine Schwester um ihn. Sein Tod hinterließ Narben auf ihrer Seele.  

„Ich wollte es zu etwas bringen, damit ich mich nicht mehr so wertlos fühle.“

Ruth-Maria Baumann, Buchautorin

Aber auch das Verhalten der Eltern ihr gegenüber riss Wunden in ihre Seele. „Sie entschieden über meinen Kopf hinweg. Sie wollten nicht, dass ich eine Lehre mache und schickten mich in die Kleiderfabrik.“ Dass sie schließlich als Bürogehilfin bei einer Versicherung landete, verdankte sie einer Ausrede. „Ich sagte, dass meine Augen für die Fabrikarbeit nicht geeignet sind.“ Aber den Job bei der Versicherung fand Baumann, die in ihrer Jugend rebellisch war und ständig ausging, „stinklangweilig“. Die junge Frau wollte weg, ausbrechen aus dieser engen Welt, in der sie lebte. Und sie wollte es zu etwas bringen, „damit ich mich nicht mehr so wertlos fühle“.

„Kann überall glücklich sein“

Weil sie wusste, dass man in der Berufswelt mehr Chancen hat, wenn man mehrere Sprachen spricht, ging sie als Au-Pair-Mädchen nach London und in die französische Schweiz. Danach arbeitete sie als Rezeptionistin, zunächst in Hotels, später beim Olympischen Komitee. Nach einem Abstecher in die Modebranche leitet Baumann heute eine Feinmechanik-Firma. Die Unternehmerin und Mutter zweier Töchter lebt mit ihrem Mann, einem Schweizer, in Montreux am Genfer See. Heute hadert die 56-Jährige nicht mehr mit ihrer Vergangenheit, denn sie hat erkannt, „dass ich diese Familie und Kindheit gebraucht habe, um das tun zu können, was ich wollte, nicht nur beruflich“. Sie ist froh, dass sie nicht so geworden ist wie ihre Eltern und fühlt sich als Kosmopolitin.  „Ich bin von überall und von nirgendwo. Ich kann überall glücklich sein.“

Buchtipp: Ruth-Maria Baumann: „Gebrochen…Zerbrochen…Ausgebrochen…“, Novum-Verlag.