Die unzertrennlichen Zwillingsschwestern

Vorarlberg / 16.09.2019 • 18:40 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Monika (l.) und Ingrid gab es nur im Doppelpack. Sie verbrachten den ganzen Tag miteinander. Bild ganz links: Monika heute. kum
Monika (l.) und Ingrid gab es nur im Doppelpack. Sie verbrachten den ganzen Tag miteinander. Bild ganz links: Monika heute. kum

Sechs gemeinsame Jahre waren den Zwillingsschwestern Monika und Ingrid beschieden.

St. Gallenkirch Monika und ihre eineiige Zwillingsschwester Ingrid waren unzertrennlich. „Wir hingen wie Kletten aneinander“, erinnert sich Monika (57). Die Zwillingsmädchen glichen einander wie ein Ei dem anderen. Man konnte sie kaum voneinander unterscheiden. Zumal ihre Mutter sie auch noch gleich kleidete. Die Mädchen trugen immer das gleiche Gewand – von den Socken bis zur Haarmasche. Nur einen Unterschied gab es, erzählt Monika. „Ingrid hatte die dunkleren Locken als ich.“

„Sag mir Mama, gibt es Engel?“

Mehr als sechs gemeinsame Jahre waren dem Zwillingspaar aber nicht vergönnt. Denn Ingrid erkrankte an Blasenkrebs. „Sie lag mehrere Monate in der Klinik in Innsbruck und wurde zwei Mal operiert. Die Ärzte sagten meiner Mutter, dass das Kind bald sterben werde.“ Seinen sechsten und letzten Geburtstag am 2. Oktober 1967 wollte das todkranke Mädchen zuhause begehen. „Ingrid sagte zu den Ärzten, dass sie ihn mit mir, ihrer Zwillingsschwester, feiern möchte.“ Diesen Tag vergisst Monika nie mehr. „Ich war lustig und tanzte. Ingrid lag auf der Couch. Ich hörte, wie sie Mama Fragen stellte: ,Warum kann Monika tanzen und ich nicht? Warum muss ich so leiden und Monika nicht? Sag mir, gibt es Engel?‘“

Ingrids Leiden hörte erst an ihrem Todestag auf, am 27. Dezember. Bis dahin litt sie qualvoll. „Ich hörte sie in der Nacht vor Schmerzen schreien. Mehrmals flehte sie meine Mutter an, dass sie den Doktor kommen lassen soll, weil sie die Schmerzen nicht mehr aushält.“ Einige Wochen vor ihrem Tod wollte Ingrid niemanden mehr sehen, nur noch ihre Mama. „Sie wies auch mich ab. Ich dachte, dass sie mich nicht mehr mag.“ Nach ihrem Tod fühlte sich Monika wie amputiert. „Ich war sehr traurig und hätte gerne Mama mein Leid geklagt.“ Aber diese konnte sie nicht trösten, weil sie selber untröstlich war. Monika erinnert sich, dass ihre Mutter monatelang weinte. „Meine Geschwister und ich haben die Fotos und Sterbebilder von Ingrid versteckt.“ Dahinter steckte die kindlich-naive Hoffnung, dass die Mutter Ingrid endlich vergisst. „Einmal hörte ich meinen Bruder sagen: ,Mama, warum weinst du? Wir sind auch noch da.‘“

Zur Nachbarin geflüchtet

Auch Monika verkraftete Ingrids Tod nicht gut. „Ich fragte mich, warum sie mich verlassen hat, und trauerte mehrere Jahre um sie.“ Das Mädchen zog sich von seiner Familie zurück und flüchtete zur Nachbarin. „Dort sah ich kein Leid und keine Trauer.“

Das Schicksal wollte es, dass die Montafonerin Jahre später abermals von einem Zwilling loslassen musste. „Mit 27 wurde ich schwanger. Als mir der Arzt sagte, dass ich Zwillinge erwarte, war ich hocherfreut, weil ich selber ein Zwilling bin.“ Aber die Freude über das doppelte Glück währte nicht lange. „Ein Kind ging ab.“ Und wieder trauerte Monika lange um einen Zwilling.

Tränen zu Weihnachten

Die 57-Jährige besucht oft das Grab ihrer Lieben. „Wenn ich Ingrid, das herzige Mädchen, auf dem Foto sehe, dann denke ich mir: ,Mein Gott, wäre das schön, wenn sie noch da wäre.‘“ An Weihnachten muss Monika besonders intensiv an ihre Zwillingsschwester denken. „Wenn ich den Christbaum schmücke, kullern Tränen.“

Ihr Sohn Markus verstand das als kleiner Bub nicht. „Er sagte zu mir: ,Mama, warum weinst du?‘ Weihnachten ist doch so ein schönes Fest.“ Erst als sie ihm erzählte, dass ihre Zwillingsschwester am 27. Dezember starb, begriff Markus seine Mutter.