Monika Helfer

Kommentar

Monika Helfer

Höflichkeit

Vorarlberg / 16.09.2019 • 10:59 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Eine Versicherungsvertreterin kündigt sich an. Es ist eine junge Frau, mädchenhaft, stellt sich vor, zieht gleich die Schuhe aus. Sie hat ein Piercing auf der Zunge. Sie erklärt, was die Versicherten nicht wissen. Sie duzt einen siebzigjährigen Mann. Der sieht sie freundlich an und sagt, das „Sie“ betonend, dass er sich nicht auskenne, dass ihm einige ihrer Amtswörter gar nicht geläufig sind, ob „Sie“ ihm bitte Erklärungen abgeben wolle.
„Wenn du die Seite durchliest, wirst du es verstehen“, sagt sie.
Der Mann schaut sie an: „Sind wir per du?“, fragt er.
Die Frau erschrickt, sie entschuldigt sich ein paar Mal hintereinander. Bei weiteren Fragen verwendet sie das „Sie“, aber mit einer Pause davor, als müsste sie sich erst sammeln.

„Wenn sie zu Hause kein Thema ist, dann müsste doch in der Schule, in der Lehre, im Studium, davon die Rede gewesen sein.“

Wie kommt das, frage ich mich. Wird die Höflichkeit nicht mehr angewendet? Wenn sie zu Hause kein Thema ist, dann müsste doch in der Schule, in der Lehre, im Studium, davon die Rede gewesen sein. Duzen die Angestellten ihre Vorgesetzten und die Vorgesetzten ihre Angestellten?
Ich hoffe, meine Enkel verwenden das „Sie“, bin aber verunsichert und rufe meine Tochter an:
„Angenommen“, frage ich „Soffi (16 Jahre) führt ein Gespräch in deutscher Sprache mit einem fremden Menschen, verwendet sie dann das Sie, oder sagt sie Du.“
Meine Tochter empört sich: „Wir haben unsere Kinder gut erzogen!“
Ich frage meine Enkelin, und sie sagt: „Kommt darauf an. Wenn er mich duzt, duze ich ihn auch.“
„Auch wenn er fünfzig Jahre älter ist?“, frage ich.
„Kommt auf seine Position an, wenn er wichtig für mich ist, sage ich Sie zu ihm.“
„Überlegst du dir das vorher?“
„Von Fall zu Fall schon. Sonst ist das Gefühlssache. Außerdem unwichtig.“
„Jetzt im Ernst, glaubst Du, dass, wenn unsere Generation ausgestorben ist, es keine Höflichkeitsform mehr gibt?“
„Ich glaube, für die Rettung der Welt braucht man kein Sie“, sagt sie.
Bin ich kleinlich? Darüber denke ich nach, als mich ein Jugendlicher am Bahnhof fragt: „Entschuldigung, kannst du mir sagen, wann der Zug nach München fährt?“
Gut, denke ich mir, die Anrede mit „Entschuldigung“ davor geht als Höflichkeit durch.

Ich werde meine Gewohnheiten nicht ändern, sollten andere mich duzen, was solls. Was ist wesentlich für mich. Wesentlich ist, von Gold zu träumen, das aus den Herbstbäumen fällt.

Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.