Norbert Schwendinger erzählt: Schüsse vor dem „Gentlemen-Club“

Vorarlberg / 22.09.2019 • 09:00 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Im ehemaligen Lustenauer Table-Dance-Lokal „Fantasie“ eskalierte eine Lappalie in einem Mordversuch. VN/PAULITSCH

VN-Serie Teil 11: Norbert Schwendinger, Morddezernatsleiter in Pension, erzählt.

Lustenau Es waren nichtige Gründe, die am 7. November 2010 um 4 Uhr morgens im Lustenauer Table-Dance-Lokal „Fantasie Gentlemen Club“ zu einer folgenschweren Auseinandersetzung führten. „Ein Streit um einen Barhocker, eine Frau blöd angeschaut, und schon hat sich ein Handgemenge unter Gästen entwickelt“, erinnert sich Norbert Schwendinger.

Messerstich in den Bauch

Ein Wort gab das andere, dann Faustschläge, schließlich kam ein Messer ins Spiel. Ein von mehreren Widersachern umzingelter 33-jähriger Türke zückte ein Klappmesser und stach es einem der Kontrahenten in den Bauch. „Die Männer wurden dann aus dem Lokal geprügelt, draußen ging es aber weiter“, so der damalige Chefermittler. Die Situation sollte dramatisch eskalieren. Denn jetzt fielen Schüsse.

Schwendinger: „Der Messerstecher flüchtete in Richtung Tankstelle und wurde dabei von einem 40-jährigen Mann der gegnerischen Gruppe verfolgt, der eine Faustfeuerwaffe aus dem Hosenbund zog und damit das Feuer auf den Flüchtenden eröffnete. Er gab mehrere Schüsse aus kurzer Entfernung ab, doch die Projektile verfehlten ihr Ziel.“

Querschläger und Volltreffer

Eine der Kugeln prallte jedoch vom Boden ab und erwischte den Türken im Rücken. Es war ein glatter Durchschuss mit lebensgefährlichen Folgen. „Der Schütze ging dann mit seinen Kumpanen in aller Ruhe ins Lokal zurück. Sie lieferten ihren durch die Messerattacke verletzten Kollegen im Krankenhaus ab. Jedoch nicht im Dornbirner Spital, wo sie die Einlieferung des angeschossenen Opfers vermuteten, sondern vorsichtshalber im Hohenemser Krankenhaus“, sagt der ehemalige Morddezernatsleiter.

Polizeibeamte, die gerade auf die Dienststelle einrückten, hatten in jener Nacht eine Knallerei vernommen, konnten sie zunächst jedoch nicht zuordnen. Als jedoch von der Funkstelle eine Schießerei gemeldet wurde, kam es zum verstärkten Einsatz von Polizeistreifen. Schwendinger: „Bei unseren Ermittlungen konnten wir durch Aufnahmen der Überwachungskamera der Tankstelle eindeutig erkennen, dass der Täter gezielte Schüsse auf sein Opfer abgegeben hatte und auch die Sache mit dem Querschläger war zu erkennen.“

Kommissar Zufall

Eine Alarmfahndung nach dem Schützen blieb erfolglos. Doch dann, nur einen Tag später, ging der Flüchtige, dessen Ziel offenbar Italien war, bei einer normalen Routinekontrolle der Schweizer Polizei im Tessin ins Netz. „Er konnte keinen Führerschein vorweisen, allerdings einen österreichischen Reisepass. Eine Anfrage der Schweizer bei der Polizei Feldkirch und die anschließende Ausstellung eines europäischen Haftbefehls wurden dem 40-Jährigen schließlich zum Verhängnis“, sagt Schwendinger. Der Mann wurde später am Landesgericht Feldkirch wegen versuchten Mordes zu elf Jahren Haft verurteilt. Der Messerstecher hingegen bekam einen Freispruch – wegen Notwehr.