Suizidbericht 2018: Risikofaktor Einsamkeit

Vorarlberg / 24.09.2019 • 19:30 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Hinterbliebene von Suizidopfern entwickeln häufig anhaltende, behandlungsbedürftige psychische Störungen. APA/SYMBOL

2018 gab es 37 Suizide in Vorarlberg. Niedrigste Rate seit 50 Jahren. Schwerpunkt des Berichts lag heuer bei Hinterbliebenen von Selbstmordopfern.

Es ist nach wie vor ein Tabuthema und die Scheu, über das Unsagbare zu sprechen, nach wie vor groß. Und trotzdem ist es traurige Realität: 36 Menschen haben sich im Jahr 2018 in Vorarlberg das Leben genommen. Die Suizidrate, also die Anzahl der Suizide pro 100.000 Einwohner, ist mit 9,5 im österreichweiten Vergleich deutlich unter dem Durchschnitt von 13,5 Selbstmorden und bedeutet für Vorarlberg den niedrigsten Wert der vergangenen 50 Jahre. Noch Mitte der 1980er-Jahre betrug dieser hierzulande weit über 20. In dieser Zeit wurde auch der erste Suizidbericht in Vorarlberg vorgestellt.

Hans Concin, Isabel Bitriol-Dittrich, Reinhard Haller und Albert Lingg bei der Präsentation des Suizidberichts. MAYER
Hans Concin, Isabel Bitriol-Dittrich, Reinhard Haller und Albert Lingg bei der Präsentation des Suizidberichts. MAYER

Heuer lag der Schwerpunkt des am Dienstag vorgestellten Reports auf den Hinterbliebenen und Angehörigen. „Jeder Suizid hinterlässt Scham, Schuldgefühl und viele Fragen bei den Hinterbliebenen – egal, ob diese berechtigt sind oder nicht“, betont Albert Lingg, der den Bericht gemeinsam mit Isabell Dittrich-Bitriol und Reinhard Haller verfasst hat.

Selbsttötungen geschehen meist unerwartet und plötzlich und bringen für die Angehörigen eine Reihe von Belastungen mit sich: „15 Prozent der Hinterbliebenen machen nicht nur die normale Trauerreaktion mit, sondern entwickeln anhaltende, behandlungsbedürftige psychische Störungen“, erklärt Haller. Diese können sich etwa als chronische Depressionen, psychosomatische Erlebnisverarbeitung oder Suchtverhalten äußern, die es allesamt zu verhindern gelte. Bei Suiziden sei die Trauerreaktion, verbunden mit Schuldgefühlen, besonders intensiv. „Welchen Anteil habe ich daran? Warum ist er oder sie zu diesem Entschluss gekommen?“, sind etwa Fragen, die sich Angehörige von Suizid-Opfern häufig stellen. Belastend sei laut Haller besonders die Tabuisierung des Themas. „Eine Lösung gibt es nur, wenn es zur Enttabuisierung kommt und betroffene Hinterbliebene darüber sprechen können.“

Der Umgang mit dem Suizidthema sei in den letzten Jahren offener und unverkrampfter geworden, gleichwohl bedürfen Hinterbliebene besonderer Unterstützung. Die Sensibilisierung der Bevölkerung und das Aufzeigen von Hilfsangeboten für Hinterbliebene sei besonders wichtig.

Suizide weiterhin männlich

Was das Alter der Suizidopfer betrifft, gab es im Vorjahr keinen Kindersuizid zu beklagen. Eine Besonderheit weist das Geschlechterverhältnis auf: Lag es zwischen männlichen und weiblichen Suiziden bislang bei 3:1, hat sich dieses in Vorarlberg auf 2:1 verändert. „Schwankungen von Jahr zu Jahr sind schwer zu erklären. Nur die Beobachtung über längere Perioden lässt einigermaßen sichere Schlüsse zu“, betont Lingg.

Einsamkeit wird in unserer Gesellschaft zu einem ganz großen Zukunftsthema werden. Auch in der Suizidforschung.“

Reinhard Haller, Mitverfasser Suizidbericht

Was die Zukunft betrifft, ortet Haller ein bestimmendes Thema: „Einsamkeit wird in unserer Gesellschaft zu einem der ganz großen Zukunftsthemen werden, das ist ganz sicher. Ebenso sicher müssen wir uns in der Suizidforschung damit beschäftigen.“

Und auch wenn Vorarlberg im Vergleich zu anderen Bundesländern eine niedrige Suizidrate aufweise, gelte es das Interesse am Thema Suizidverhütung aufrechtzuerhalten und mögliche negative Entwicklungen früh genug aufzuzeigen, denn: „Auch wenn die Ergebnisse günstiger werden, dürfen wir nicht nachlassen. Es kann jederzeit wieder in eine andere Richtung gehen“, mahnt Lingg.