Aus enger Welt ausgebrochen

Vorarlberg / 26.09.2019 • 19:44 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Ruth-Maria Baumann brachte es beruflich weit. Sie leitet heute eine Firma.
Ruth-Maria Baumann brachte es beruflich weit. Sie leitet heute eine Firma.

Ruth-Maria Baumann macht Menschen Mut, den eigenen Weg zu gehen.

Schwarzach Ruth-Maria Baumann wuchs in einem 1000-Seelen-Dorf in Vorarlberg auf. Ihr Vater war Waldaufseher, ihre Mutter betrieb eine kleine Landwirtschaft und vermietete Gästezimmer. Die heute 56-Jährige hat ihre Kindheit, zumindest bis zum 9. Lebensjahr, in schöner Erinnerung. „Ich war oft im Wald, habe mit meinem Bruder und meinem Cousin Baumhütten gebaut und Beeren gesammelt.“

Ihre Mutter erlebte Ruth-Maria Baumann als sehr fromm. „Sie hat um alles gebetet.“ Mit elf Jahren begann die Tochter die Frömmigkeit der Mutter allerdings zu hinterfragen. „Ich habe angefangen zu zweifeln.“ Auch mit den Erbstreitigkeiten innerhalb der Verwandtschaft, dem Misstrauen gegenüber allem Fremden und der strengen Sparsamkeit kam das Mädchen nicht zurecht. „Die Eltern haben an allem gespart. Wir sind nie in den Urlaub gefahren. Und zur Erstkommunion hatte ich ein Kleid an, das Mutter von jemanden ausgeliehen hatte.“

Je älter sie wurde, desto mehr fühlte die Heranwachsende sich in der eigenen Familie und in der Dorfgemeinschaft fremd. „Ich sah viele Dinge einfach anders.“ Die Schule meisterte das Mädchen spielend. Vom Lehrer gab es viel Lob ob ihrer ausgezeichneten Leistungen und Intelligenz. Zuhause hörte man das nicht gerne. Dort war man der Meinung, dass Töchter nichts zu lernen brauchen. „Meine Mutter vertrat die Ansicht, dass ich zum Heiraten nicht so intelligent sein müsse.“

Ruth-Maria Baumann, die mit 16 Bücher von C. G. Jung und Erich Fromm verschlang, hätte gerne das Gymnasium besucht. Aber sie wusste, dass ihr Wunsch nie in Erfüllung gehen würde. „Das war, als ob ich nach den Sternen greifen hätte wollen.“ Ihr Bruder hingegen durfte eine höhere Schule besuchen. Mit ihm war sie ein Herz und eine Seele. „Aber plötzlich veränderte er sich komplett, wurde immer verschlossener und seltsamer.“ Sie vermutet, dass „mein Bruder sexueller Gewalt ausgesetzt war“. Eines Tages habe sie den damals 13-jährigen Internatsschüler in der Scheune entdeckt, als er sich erhängen wollte.

Angst um die Familie

Ab da hatte sie immer Angst um ihn und die ganze Familie. „Ich dachte, dass er ein Blutbad anrichtet.“ Der Bruder war 21, als er seinem Leben tatsächlich mit einer Schrotflinte ein Ende setzte. Drei Monate lang weinte die Schwester um ihn. Sein Tod hinterließ Narben auf ihrer Seele. Aber auch das Verhalten der Eltern ihr gegenüber verursachte einen tiefen seelischen Schmerz. „Sie entschieden über meinen Kopf hinweg, wollten nicht, dass ich eine Lehre mache und schickten mich in die Kleiderfabrik.“

Dass sie schließlich als Bürogehilfin bei einer Versicherung landete, verdankte sie einer Ausrede. „Ich sagte, dass meine Augen für die Fabrikarbeit nicht geeignet sind.“ Aber auch den Job fand Ruth-Maria Baumann, die in ihrer Jugend immer wieder aufbegehrte, extrem langweilig. Die junge Frau wollte weg, ausbrechen aus dieser engen Welt, in der sie lebte. Weil sie wusste, dass man in der Berufswelt mehr Chancen hat, wenn man mehrere Sprachen spricht, ging sie als Au-pair nach London und in die französische Schweiz. Danach arbeitete sie als Rezeptionistin in Hotels, später auch beim Olympischen Komitee. Nach einem Abstecher in die Modebranche leitet Ruth-Maria Baumann heute eine Feinmechanik-Firma.

Die Unternehmerin und Mutter zweier Töchter lebt mit ihrem Schweizer Ehemann in Montreux. Heute hadert die 56-Jährige, die ihre Lebensgeschichte in dem Buch „Gebrochen … Zerbrochen … Ausgebrochen“ verarbeitet hat, nicht mehr mit ihrer Vergangenheit. Denn sie hat erkannt, „dass ich diese Familie und Kindheit gebraucht habe, um das tun zu können, was ich wollte, nicht nur beruflich“. VN-KUM