Kein Süden für die Störche

Vorarlberg / 27.09.2019 • 19:01 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Die im Rheintal überwinternden Störche suchen bei großer Kälte gerne eine Flachwasser­zone auf. VN/Hartinger
Die im Rheintal überwinternden Störche suchen bei großer Kälte gerne eine Flachwasser­zone auf. VN/Hartinger

Das könnte mit dem Klimawandel zu tun haben, mutmaßt Experte.

LUSTENAU Man sieht sie derzeit auf weiten Grünflächen im Rheintal auch in großen Gruppen: Störche. Zusammenrotten vor dem großen Flug in den Süden? Mitnichten! „Die Altvögel bleiben mittlerweile nahezu alle da. Nur die Jungvögel ziehen noch in den Süden“, berichtet Ornithologe Alwin Schönenberger (67). Jeden Tag hält sich der Vogelkundler im Schweizer Ried auf und beobachtet dort Ungewohntes. „Es hat vor vier Jahren begonnen, dass Störche im Winter hierblieben. Die Tiere kommen meist unbeschadet durch den Winter“, weiß der Experte.

Empfindlich sind die Babys

Derzeit, so schätzt Schönenberger, halten sich circa 50 Brutpaare im Rheintal auf. „Wobei von denen nicht alle brüten“, ergänzt der Ornithologe. Gebrütet haben die Störche natürlich auch heuer im Frühjahr. „Jedoch mit mäßigem Erfolg. Aufgrund des nasskalten Wetters kamen nur ein Drittel aller geborenen Jungvögel durch. Die meisten der frisch auf die Welt gekommenen Tiere starben innerhalb einer Woche“, rekapituliert Schönenberger ein Jahr, das nicht als gutes Storchenjahr in die Geschichte eingehen wird. Tatsächlich sind die frisch geschlüpften Storchenbabys sehr empfindlich gegen Kälte und Nässe. „Es braucht nicht viel, dass sie eine nasskalte Wetterphase nicht überstehen.“

Extremer Sparmodus

Das Phänomen der Rheintaler Störche, die nicht mehr in den Süden wollen, lässt Schönenberger und Kollegen nach Erklärungen suchen. „Es kann sein, dass es mit dem Klima zu tun hat. Die Winter sind in der Regel nicht mehr so hart wie früher. Zumindest gibt es keine längeren Phasen mehr, die wirklich kalt und tiefwinterlich sind“, resümiert der Vogelkundler. Wenn es ganz kalt wird, so haben die Experten beobachtet, suchen sich die Störche Flachwasserzonen und stehen dort regungslos herum. „Das Wasser ist wärmer als die Luft. Die Störche bewegen sich dort kaum, um Energie zu sparen“, erzählt Schönenberger. Die Tiere können sich auf einen extremen Sparmodus bringen, sodass sie einen Winter nahezu ohne Futter durchstehen. Vergangenes Jahr gab es eine Schneedecke von Jänner bis Februar. Selbst das konnte den Störchen nichts anhaben.

Bemerkenswert: Die Störche bei uns unterscheiden sich im Verhalten von jenen im Burgenland. „Dort fliegen bis auf ein paar Ausnahmen alle Vögel in den Süden. Zum Teil bis nach Südafrika“, weiß Schönenberger. Man spreche mittlerweile von den bei uns ansässigen Weststörchen und den Oststörchen des Burgenlandes. Ein weiterer Unterschied der beiden Storchengruppen: Während die Oststörche um die halbe Welt fliegen, begnügen sich unsere Jungstörche mit Spanien und Südfrankreich als Winterdestination.

Vom Ried zu den Menschen

Ihr Verhalten verändert haben bei uns nicht nur die Störche. So haben etwa die Wacholderdrosseln ihren Lebensraum von den Kulturlandschaften in menschliche Freizeitgebiete verlagert. Und auch die Stieglitze sind der Kulturlandschaft aus Sicherheitsgründen entflohen. Sie halten sich jetzt bevorzugt an Straßenrändern auf.

„Die Störche sind in der Lage, einen Winter nahezu ohne Futter durchzustehen.“