Frauen im Schlankheitswahn

Gesund / 28.09.2019 • 12:00 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Die langfristigen gesundheitlichen Auswirkungen einer Essstörung können gravierend sein. APA

Essstörungen nehmen auch durch Nutzung von sozialen Medien wieder zu.

Feldkirch Körperformen sind individuell, und trotzdem hecheln viele, vor allem Mädchen und junge Frauen, immer noch überschlanken Idealen nach. Die Folgen sind Essstörungen, die gravierende Auswirkungen auf die Gesundheit haben können. Beim Frauengesundheitstag am Dienstag, 1. Oktober 2019, im Montforthaus in Feldkirch, referiert die Kinder- und Jugendpsychiaterin Dagmar Pauli (56) aus Zürich zu diesem nach wie vor brisanten Thema.

Warum tun sich immer noch viele schwer, normale Körperformen zu akzeptieren?

Pauli: Bereits seit den Sechzigerjahren des letzten Jahrhunderts sind überschlanke Körperformen das Ideal. Seit Jahrzehnten gelten üppige weibliche Formen nicht mehr so wie früher als schön. Heute sind wir, insbesondere die jungen Leute, in noch viel stärkerem Maße einer ständigen Bilderflut ausgesetzt. Wir haben uns daran gewöhnt, dass Frauen androgyn und praktisch ohne Formen abgebildet werden. Die heutigen Mütter sind bereits mit diesem Schönheitsideal aufgewachsen. Sie geben dies daher in verstärktem Maße bereits an ihre Kinder im jungen Alter weiter.

Reitet die Gesellschaft zu sehr auf Ernährungsthemen herum?

Pauli: Am Familientisch wird heute über Diät und Abnehmen gesprochen, so dass die Kinder früher mit diesen Themen in Kontakt kommen und sich von klein auf damit beschäftigen. Dies bezeichne ich als Zweitgenerationeneffekt. Auch über gesundes Essen werden Kinder heute in einem Alter aufgeklärt, in dem noch Genuss und Spaß im Vordergrund stehen sollten. In der Gesellschaft beschäftigen wir uns allgemein zu viel damit, was das „richtige“ Essen ist. Das verunmöglicht uns eine natürliche Einstellung zum Essen. In den Medien werden ständig neue Regeln verbreitet, die sich widersprechen. Ständig werden neue Diäten propagiert, die gesund und nachhaltig zur Gewichtsabnahme führen sollen, die jedoch teilweise gesundheitsschädlich sind und Essstörungen auslösen können.

Welchen Einfluss haben die sozialen Medien? Stimmt es, dass Essstörungen deshalb gestiegen sind?

Pauli: Insbesondere Instagram trägt zur Verbreitung von ungesunden Körperidealen und zum Druck zur Perfektion auf junge Menschen bei. Vor allem Mädchen vergleichen sich ständig, stehen unter Druck, sich mit ihrem Körper präsentieren zu müssen. Die Bilder werden bearbeitet, sodass sich völlig unrealistische Körpermaße als ideal verbreiten. Vulnerable junge Menschen insbesondere mit niedrigem Selbstwertgefühl möchten dann mit einer Diät ihre Körpermaße zur Perfektion steigern. Es gibt Anzeichen dafür, dass insbesondere die Magersucht bei jungen Mädchen gestiegen ist und dass sich das Erkrankungsalter ins immer jüngere Alter verschiebt. Dies hat mit dem immer früheren Gebrauch der sozialen Medien durch Kinder zu tun.

Welche Hauptursachen gibt es für Essstörungen?

Pauli: Essstörungen haben nicht eine Hauptursache. Die Gesellschaft mit ihren ungesunden Idealen und dem gestörten Verhältnis zum Essen ist immer wieder Nährboden für Essstörungen. Im individuellen Fall braucht es noch weitere Auslöser wie ein niedriges Selbstwertgefühl, Probleme mit Gleichaltrigen, Liebeskummer oder Probleme in der Familie. Es gibt auch Eigenschaften, die Essstörungen begünstigen, wie zum Beispiel ein starker Perfektionismus und eine Tendenz zu Zwanghaftigkeit.

Was können Eltern beitragen, um Essstörungen zu verhindern?

Pauli: Es ist wichtig, dass Eltern ein gutes Vorbild sind in Bezug auf eine gesunde Einstellung zu Körper und Ernährung. Eltern müssen vorleben, dass es verschiedene Arten gibt, schön zu sein und dass es ganz unterschiedliche schöne Körperformen gibt. In Bezug auf das Essen sind gemeinsame Mahlzeiten wichtig. Hierdurch kann die Wahrscheinlichkeit für eine Essstörung beim Kind gesenkt werden. Zudem sollte beim Essen nicht über Diät, Abnehmen und Gesundheitsaspekte des Essens, sondern über andere interessante Themen gesprochen werden. Beim Essen sollten der Genuss im Vordergrund stehen und die Förderung der Familienbeziehungen durch das Gespräch. Eltern haben auch einen großen Einfluss auf das Selbstwertgefühl ihres Kindes. Ein gutes Selbstwertgefühl schützt vor Essstörungen. Eltern sollen daher die Stärken ihres Kindes fördern, das Kind dafür loben und positiv unterstützen. Sie sollen das Selbstwertgefühl des Kindes nicht einseitig auf das Aussehen, sondern auf viele Eigenschaften fördern.

Gibt es ausreichend Behandlungsmöglichkeiten?

Pauli: Leider gibt es noch nicht ausreichend Behandlungsmöglichkeiten für Menschen mit Essstörungen. In vielen Gegenden in Österreich, Deutschland und der Schweiz fehlt es an speziell ausgebildeten Therapeutinnen und Therapeuten, insbesondere für die jungen Betroffenen. Leider gibt es teilweise Wartelisten, und auch stationäre Behandlungsplätze stehen nicht immer zur Verfügung.

Gibt es Möglichkeiten, dem Spieglein-Spieglein-an-der-Wand-Prinzip beizukommen?

Pauli: Wir brauchen gesellschaftliche Veränderungen: Medien, Werbe- und Modeindustrie müssen in die Pflicht genommen werden, keine ungesunden Schönheitsideale mehr zu verbreiten. Hierfür braucht es teilweise gesetzliche Regelungen wie etwa einen Mindest-BMI für Laufstegmodels und Casting-Shows. In den Schulen braucht es Präventionsprogramme, die nicht einseitig auf Adipositas-Prävention setzen, sondern Medienkritik sowie gesundes Ernährungs- und Bewegungsverhalten fördern. Werbung für ungesunde Diäten müssen mit Warnhinweisen wie bei Zigaretten versehen werden (diese Diät kann Essstörungen auslösen, oder: Diese Diät kann Ihre Gesundheit schädigen). Wir selbst sind jedoch auch gefragt als Eltern, unseren Kindern gesündere Ideale vorzuleben. Dafür müssen wir mit unserer eigenen Einstellung zu unserem Körper beginnen und lernen, uns so zu akzeptieren, wie wir sind. Wir müssen erkennen, dass es eine Vielfalt an schönen Körperformen gibt.

Dagmar Pauli
Dagmar Pauli