„Nur noch das tun, was Freude macht“

Vorarlberg / 30.09.2019 • 19:28 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Walter Gmeiner hat sich in Dornbirn ein kleines Paradies eingerichtet. VN/HJR
Walter Gmeiner hat sich in Dornbirn ein kleines Paradies eingerichtet. VN/HJR

Der Mediziner Walter Gmeiner ist mit SOS-Kinderdorf familiär verbunden.

Heidi Rinke-Jarosch

dornbirn „Überlege gut, entscheide und dann stehe dazu.“ Dieser Leitsatz hat Walter Gmeiner durch seine Lebensabschnitte in Südamerika, Afrika und auch Österreich begleitet. Der 74-Jährige hat als Arzt viele Jahre im Namen von SOS-Kinderdorf gewirkt. Gründer Hermann Gmeiner war sein Großonkel. 

Ein sonniger, warmer Nachmittag. Walter Gmeiner bittet auf die Terrasse seines Einfamilienhauses, das von einem gepflegten Garten umgeben ist. Hier, außerhalb des Zentrums von Dornbirn, hat er für sich und seine Familie ein kleines Paradies eingerichtet. Er stellt einen Krug Wasser auf den Tisch und beginnt, Episoden aus sieben Jahrzehnten zu erzählen.

Als Walter Gmeiner im Juli 1945 zur Welt kam, war der Zweite Weltkrieg gerade vorbei. Walter wuchs „friedlich und wohlbehütet“ auf einem Bauernhof in Alberschwende auf. „Ich wollte immer ins Gymnasium“, betont er. Die Mutter war einverstanden, der Vater gar nicht. „Er wollte, dass ich Landwirt werde.“ Es war der Tierarzt der Gmeiners, der Walter heimlich in der Realschule in Dornbirn angemeldet hatte. Der Vater hat es schlussendlich akzeptiert.

Maturiert hat Walter Gmeiner 1965 in Feldkirch. Dann studierte er Medizin in Innsbruck, die Promotion war 1971. Den Turnus – Ausbildung zum Allgemeinmediziner – absolvierte er in Spitälern in Linz, Bregenz, Feldkirch und Dornbirn.

Ein erstes „berufliches“ Gespräch mit Hermann Gmeiner hatte Walter, als er 18 Jahre alt war. Es war bei einem Musikfest in Alberschwende. „Wir haben nichts Konkretes ausgemacht, sondern nur darüber gesprochen, dass wir einmal gemeinsam ein Projekt machen werden“, berichtet der Großneffe. „Ich war begeistert und sagte sofort, ich bin dabei.“

Auf nach Paraguay

Konkretes wurde erst Jahre später vereinbart, als Walter Gmeiner als Turnusarzt im Krankenhaus Dornbirn arbeitete. „Eines Tages rief mich Hermann an und sagte, er habe einen tollen Job für mich.“ Walter sollte nach Paraguay und beim SOS -Kinderdorf in Hohenau – einer einst deutschen Kolonialstadt – ein Krankenhaus aufbauen. „Ich war bereit dazu. Voraussetzung war jedoch, dass meine Freundin Brigitte mitkommen konnte.“ Dem Großonkel passte das, denn Brigitte war Krankenschwester.

Walter Gmeiner eignete sich Kenntnisse in Tropenmedizin an, lernte Spanisch und heiratete Brigitte. Das war 1975. Ein Jahr später zog das Paar nach Paraguay. Geplant waren zwei Jahre Aufbau und Leitung des Spitals in Hohenau. Es wurden mehr als sechs. So kamen beide Gmeiner-Töchter in Paraguay zur Welt: die erste 1979, die zweite im Jahr darauf.

Nach Vorarlberg kehrte die Familie im Dezember 1982 zurück. „Man hatte mir eine Stelle als praktischer Arzt versprochen, aber ich bekam sie dann doch nicht“, sagt Walter Gmeiner. „Die Situation war schwierig für mich.“ Nicht so für Hermann Gmeiner. Er wollte den Großneffen weiter in seiner Organisation beschäftigen und sendete ihn 1983 nach Senegal, um auch in Kaolack im Auftrag von SOS-Kinderdorf ein Spital aufzubauen.

„Es war heiß und dreckig in Kaolack“, erinnert sich der Arzt. Die Provinzmetropole im Westen Senegals galt damals schon als eine der schmutzigsten Städte Afrikas. Nachdem es in Kaolack keine öffentliche Abfallentsorgung gab, nahm Walter Gmeiner die Müll­entsorgung im SOS-Kionderdorf und dem Spital selbst in die Hand. Tatkräftig unterstützt wurde er von seiner Frau und den Töchtern: „Wir Vier waren ein tolles Team.“

Die Gmeiners blieben ein Jahr in Kaolack, gewohnt haben sie in einem Familienhaus im SOS-Kinderdorf. Nach der Heimkehr nach Vorarlberg im Sommer 1984 arbeitete Walter Gmeiner als praktischer Arzt in Dornbirn. Im gleichen Jahr kam sein Sohn zur Welt. Seit 2011 ist Walter Gmeiner pensioniert. Trotzdem ist er für SOS-Kinderdorf weiterhin tätig geblieben: regional als Vereinspräsident von SOS-Kinderdorf in Vorarlberg, national im Vorstand der Organisation, international im Senat. Nun zieht er sich zurück, Schritt für Schritt. Er möchte das Feld den Jüngeren überlassen: „Sie haben genauso gute Ideen wie wir, aber andere und oft auch konträre. Das ist richtig so.“

Die Enkel halten ihn auf Trab

Er hat sich indes ein weiteres Motto zugelegt: Carpe Diem. „Ich tue nur noch, was mir Freude bereitet.“ Rikschafahren mit Senioren etwa, und er hat bei „Tischlein deck dich“ mitgearbeitet. Im medizinischen Bereich bildet er sich in Tropen- und Reisemedizin fort. Das Wichtigste sind jedoch seine vier Enkel, die in Innsbruck und Augsburg leben. Die zehn, acht, sieben und vier Jahre alten Enkelkinder – ein Fünftes ist unterwegs – halten ihren Opa ganz schön auf Trab. „Mir gefällt das. Die Kinder können nie lange genug hier sein.“

Wunsch? Walter Gmeiner überlegt kurz, antwortet dann: „Lange gesund sein, damit ich noch viel mit meinen Enkeln unternehmen kann.“ Dafür steht er jeden Morgen um 6 Uhr auf, läuft vier Kilometer, ernährt sich gesund und hält sich an sein Motto „Carpe Diem“.

Walter Gmeiner hat sich in Dornbirn ein kleines Paradies eingerichtet. VN/HJR
Walter Gmeiner hat sich in Dornbirn ein kleines Paradies eingerichtet. VN/HJR

Zur Person

Walter Gmeiner

Geboren 23. Juli 1945

Wohnort Dornbirn

Beruf Mediziner

Familie verheiratet mit Brigitte, Vater von zwei Töchtern und einem Sohn