Monika Helfer

Kommentar

Monika Helfer

Verwöhnt

Vorarlberg / 01.10.2019 • 19:07 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

„Ein einziges Mal bitte ich dich um einen Gefallen, und du erfüllst ihn nicht. Erinnere dich, Tochter, wie oft ich dir schon geholfen habe. Ich habe dir nie etwas vorgehalten. In diesem Fall jetzt will ich es tun. Du hast mit der Schule aufgehört, ich habe dich gegen deine Mutter verteidigt, was ich mir heute noch vorwerfe. Du wolltest nach Frankreich, ich habe dich dort gut untergebracht, nach drei Wochen bereits, wolltest du, dass ich dich abhole, weil es dort so schrecklich sei. Dann England zwei Monate, Flug gebucht, zurückgeholt, dann Amerika, ein halbes Jahr, Flug gebucht, zurückgeholt. Immer musste ich dich gegen deine Mutter in Schutz nehmen. Sie hatte es satt, sagte, ich unterstütze, dass du es nie zu etwas bringen wirst. Recht hat sie gehabt. Jetzt sitzt du zu Hause herum, schläfst bis Mittag, am Abend gehst du weg. Und da bitte ich dich um eine kleine Lüge, um mich aus einer misslichen Situation herauszureden, und du lehnst ab.“

Die Tochter schaute ihn an und sagte: „Du betrügst Mama, und ich soll dich in Schutz nehmen?“

Sie log aber doch, weil ihr die Mutter nicht so wichtig war wie ihr Vater.

„Sag mir, was willst du, was wünschst du dir, wie stellst du dir dein weiteres Leben vor?“, fragte der Vater.

„Ich will heiraten und ein Kind kriegen, sonst nichts.“

„Und wen willst du heiraten?“

„Das weiß ich noch nicht, deshalb geh ich am Abend weg, um einen zu finden. Ich hab bis jetzt keinen gefunden. Soll ich im Internet schauen?“

Der Vater kannte einen unverheirateten Mann, zehn Jahre älter als seine Tochter, er arbeitete im gleichen Betrieb. Ein Essen zu dritt, der Mann, die Tochter, der Vater.

Die beiden waren sich nicht unsympathisch, der Vater lenkte die Gespräche. Sie wollten sich wiedersehen.

„Warum, denkst du, Papa“, fragte die Tochter, „hat er keine Frau? Er sieht gut aus und ist klug.“

„Er hat eben die Richtige noch nicht gefunden.“

„Glaubst du, ich könnte die Richtige sein?“

Es ergab sich, dass sich die beiden näherkamen, die Tochter übernachtete bei dem Mann, er bei ihr. Der Vater kaufte ihr eine Wohnung, sie sollte dort einziehen, und sich alles noch einmal überlegen. Die Wohnung war leer, die Tochter sollte sie einrichten, ganz allein, nach ihren Wünschen. Der Vater zahlte.

So verbrachte die Tochter Nachmittage in Möbelhäusern, und sie bestellte nur das Teuerste, weil das Teuerste doch das Beste war.

Als die Gardinen vor den Fenstern angebracht waren, das Ehebett überzogen, der Eisschrank gefüllt und die Regale mit neuen Büchern, die sie irgendwann lesen würde, eingeräumt, lud sie den Mann ein.

„Könnte das unser Zuhause sein?“, fragte sie ihn. Er sagte lange nichts.

Dann: „Unsere Geschmäcker sind zu verschieden.“

„Jetzt sitzt du zu Hause herum, schläfst bis Mittag, am Abend gehst du weg.“

Monika Helfer

monika.helfer@vn.at

Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.