Johannes Huber

Kommentar

Johannes Huber

Die Spaltung

Vorarlberg / 04.10.2019 • 19:07 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

„Wir müssen nicht nur im Hörsaal verstanden werden, sondern auch im Gasthaus“, hatte Grünen-Chef Werner Kogler im Wahlkampf gesagt. Immerhin: Der 57-Jährige gibt zu, dass er und seinesgleichen nicht weit über urbane Bildungsschichten hinaus wirken können. Darüber hinaus kommen sie bei den Leuten kaum an, um es vorsichtig zu formulieren. Das Ziel, das zu ändern, ist jedoch gescheitert: Groß abgeräumt haben die Grünen wie zu ihren besten Zeiten nur in städtischen Bezirken sowie der unmittelbaren Umgebung. Und überhaupt: Bei Akademikern erreichten sie 37 Prozent (!), bei Lehrabsolventen drei Prozent (!). Das hat eine Wahltagsbefragung im Auftrag des ORF ergeben.

Genau umgekehrt ist es bei den Freiheitlichen und zunehmend auch der ÖVP. Die Türkisen entwickeln sich laut dem Politologen Anton Pelinka ebenfalls zu einer Partei der Wohlstandsverlierer: Triumphiert haben sie außerhalb reicher Zentren. Ja, es geht sogar so weit, dass sie in diesen Zentren, in denen sie einst stark waren, verloren haben: In Wien war dies beispielsweise in der City, in der Josefstadt und in Döbling der Fall. Und nein, dort gab es keinen besonderen Linksruck: Neben den Grünen legten dort die Neos extrem stark zu. Das sind laut Pelinka die beiden Parteien der Wohlstandsgewinner.

Sozialdemokraten saufen ab

Dazwischen saufen die Sozialdemokraten ab. Ihnen kommt der Boden abhanden. Ihr Bestreben wäre es, Klassengegensätze zu überwinden. In Wirklichkeit verschärfen sich diese Gegensätze jedoch: Jeder Mensch weiß heute, wie nützlich eine private Krankenversicherung ist bzw. sein könnte. Oder: Wer seinem Kind von allem Anfang an beste Chancen mitgeben möchte, muss sich Bildungsangebote leisten können; mehrsprachige Krippen gibt’s selten umsonst. Oder: Die Neue Mittelschule, die einst nur als Zwischenschritt zur gemeinsamen Schule der 10- bis 14-Jährigen gedacht war, wird neben Gymnasien in den Ballungsräumen immer mehr zur Restschule, nach der kaum noch jemand Karriere macht.

Türkis-Grün könnte helfen

Das sind schlimme Aussichten für Sozialdemokraten: Die, die das Glück haben, ein gutes, abgesichertes Leben führen zu können, haben die Neos, wenn ihnen das Leistungsprinzip wichtig ist, oder die Grünen, wenn ihnen die ökologische Komponente vorgeht. Die anderen haben FPÖ und ÖVP, die ihnen einreden, dass Zuwanderung an allem Unglück schuld sei und dass das christliche Abendland ausschließlich durch Muslime gefährdet werde.

Das sind bedrohliche Trennlinien, die sich da auftun. Türkis-Grün wird so schwer bis unmöglich. Dabei wäre genau das eine entscheidende Konstellation: Sie wäre lagerübergreifend, würde einen Dialog erzwingen und könnte so dazu beitragen, dass eine Spaltung ausbleibt.

„Wohlstandsgewinner wählen Grüne und Neos, Wohlstandsverlierer FPÖ und zunehmend türkis.“

Johannes Huber

johannes.huber@vn.at

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