Erfahrungen des Guten

Vorarlberg / 04.10.2019 • 18:11 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
fotolia

fotolia

Beim Theologen Karl Rahner habe ich einen Text gelesen, der mich über mein Leben nachdenken lässt.

„Über die Erfahrung der Gnade: Haben wir uns schon einmal zu etwas entschieden, rein aus dem innersten Spruch unseres Gewissens heraus, dort, wo man es niemand mehr sagen, niemand mehr klarmachen kann, wo man ganz einsam ist und weiß, dass man eine Entscheidung fällt, die niemand einem abnimmt, die man für immer und ewig zu verantworten hat? Waren wir einmal gut zu einem Menschen, von dem kein Echo der Dankbarkeit und des Verständnisses zurückkommt und wir auch nicht durch das Gefühl belohnt werden, ‚selbstlos’, anständig usw. gewesen zu sein?“ Wir können uns unsere Welt nicht schönreden oder schöndenken. Aber erst in dieser, so wie wir sie eben erfahren, bekommt das Gute seine wahre Qualität. Der Wirklichkeitssinn gebietet uns, die Welt so zu sehen, wie sie sich darstellt. Der Möglichkeitssinn aber entdeckt darin die Keime einer anderen, besseren Welt, die nicht von selbst entsteht, sondern nur durch unseren vollen Einsatz für die Güte und das Gute. Eine solche Möglichkeit entdecke ich im gesteigerten Bewusstsein um den Schutz unseres Planeten bei Jung und Alt – weltweit, wie die „Fridays for Future“-Bewegung seit einiger Zeit zeigt. Und auch in meiner persönlichen Lebensgeschichte könnte ich das eine oder andere Beispiel nennen.

„Stärke unseren Glauben“

Ein schwieriger, sperriger Text, den uns Jesus im Lukasevangelium, Verse 17,5-10 zumutet. Mit der Bitte der Apostel um Stärkung ihres Glaubens lässt Jesus ihre eigentlichen Probleme erkennen: Sie haben aufgehört, auf die Kraft ihres bereits vorhandenen Glaubens zu vertrauen. Und manche erwarten vielleicht auch Gottes Lohn für eine spektakuläre Glaubenstat und den Dank der anderen, wie dies öfter von den Pharisäern berichtet wird. Manche messen die Kraft des Glaubens daran, wie viele Heilungen jemand vollbracht hat und wie viel charismatische Kraft man in einem Menschen sieht. Wer das alles nicht vorweisen kann, hat nicht den richtigen Glauben.

Jesus lehnt diese Art von Glauben ab. Das Gleichnis richtet sich gegen falsche Lohnerwartungen. Im Bildwort vom Senfkorn und einem Maulbeerbaum sowie im provokanten Vergleich mit dem Gutsbesitzer und dem Sklaven soll beiden geholfen werden, von ihrer Erstarrung freizukommen.

Glaube kann Berge versetzen (oder Maulbeerbäume) – dieser Satz ist sprichwörtlich geworden. Es entspricht durchaus unseren alltäglichen Erfahrungen: Wo ich selbst keine Veränderung für möglich halte, wird sich schwerlich etwas ändern, und wo ich einem Menschen etwas zutraue, da wachsen diesem Fähigkeiten zu, von denen er vielleicht noch nichts ahnt.

Der Glaube, das steht außer Zweifel, ist ein Geheimnis, weil er nicht berechenbar, nicht machbar, sondern geschenkt, verdankt ist. Aber Glaube ist nicht ein Geschenk, das mir ein für allemal gegeben ist, sondern auf das ich mich immer wieder neu einlassen muss, indem ich – wie Carlo Caretto meint – täglich neu den Sprung in den Glauben wage. Da liegt es in der Natur der Sache, dass Glaube auch krisenanfällig ist, von Zweifeln bedrängt wird, auf schwankenden Boden gerät.

Warnung vor Überheblichkeit

Vielleicht ist in diesem Zusammenhang auch das seltsame, für uns heutige Menschen fast unerträgliche Gleichnis vom Sklaven, der anspruchslos sich ganz auf den Willen seines Herrn einstellt, zu verstehen. Es stützt sich auf eine konventionelle Vorstellung von Sklaverei. Ein „guter“ Sklave erwartet keinen Dank.

Ich kann mir nur vorstellen, dass sich diese Parabel gegen falsche Erwartungen richtet. Es ist vorstellbar, dass sich schon damals eine Art Standesbewusstsein entwickelt hatte und viele sich etwas auf ihre Verdienste einbildeten. Eine ähnliche Gefahr kennt man auch heute, im politischen wie im kirchlichen Leben.

In manchen Gruppen bildet sich ein innerer Kreis, Menschen, die viel Energie investieren und auch kaum bezahlbar sind in ihrem Einsatz.

Zu Vorsicht mahnt Jesus dort, wo ein solcher Kern sich insgeheim und vielleicht unbewusst für etwas Besseres hält, und andere, die – aus welchen Gründen immer – weniger tun, dadurch einen schweren Stand haben. Hier warnt das Evangelium: Gott misst mit anderem Maßstab.

In diesem Licht könnten Senfkornglaube und bescheidene Versuche, sich am Leben Jesu zu orientieren, gerade das sein, was wir benötigen. Selbst ein unscheinbares Glaubenszeugnis kann dort etwas wachsen lassen, wo es niemand vermutet.

Ein afrikanisches Sprichwort sagt: Wenn viele kleine Leute an vielen kleinen Orten viele kleine Schritte tun – dann verwandelt sich das Antlitz der Erde.