„Dicke Menschen werden diskriminiert“

Vorarlberg / 06.10.2019 • 18:45 Uhr / 5 Minuten Lesezeit

Johanna Matt leidet an einer schmerzhaften Fettverteilungsstörung. Eine OP könnte ihr helfen.

Frastanz Johanna Matt (58) ist eine gepflegte und adrette Frau. Aber ihre Schenkel, Waden und Arme sind überdimensioniert. Das verleiht ihrer Erscheinung etwas Wuchtiges. „Ich hatte immer schon dicke Beine und Arme“, erinnert sie sich. „Nach der Pubertät wurden sie aber noch dicker.“ Das Mädchen litt unter ihrem Aussehen. „Ich schämte mich dafür.“ Obwohl Johanna an einem See wohnte und eigentlich eine Wasserratte war, ging sie nicht mehr schwimmen. Der Turnunterricht in der Schule wurde zur Qual für sie, weil sie nicht so beweglich war wie ihre schlankeren Mitschüler. Am meisten aber machte ihr zu schaffen, dass sie ausgegrenzt und gehänselt wurde. „Ein Schüler aus der Parallelklasse schimpfte mich fette S.. Das war das Schlimmste, was mir an den Kopf geworfen wurde.“

Eine Diät um die andere

Johanna, die in den Nächten aus Gram über ihr Aussehen „in das Polster heulte“ verstand nicht, warum sie so dick war. „Ich dachte mir: ,Ich esse doch nicht viel. Warum habe ich mein Gewicht nicht unter Kontrolle?‘ Im Lauf der Jahre unterzog sich die gebürtige Tirolerin den verschiedensten Diäten, sie fastete zum Beispiel Intervall, gab viel Geld für Nahrungsergänzungsmittel aus und lernte, wie man sich richtig ernährt. „Ich sagte mir: ,Ich muss es doch schaffen abzunehmen.‘ Aber ich verlor nie mehr drei Kilo.“ Je älter sie wurde, umso mehr schnellte ihr Gewicht in die Höhe. „Ich konnte es nicht mehr kontrollieren.“

Aber nicht nur die stetige Gewichtszunahme

machte der zweifachen Mutter und gelernten Einzelhandelskauffrau zu schaffen. Das Schweregefühl in ihren Beinen wurde immer stärker. „Wegen der ständigen Schmerzen suchte ich mehrere Ärzte auf. Sie erklärten mir, dass diese von meinen Venen kämen. Also ließ ich sie operieren.“ Aber die Schmerzen blieben. „Meine Beine fühlen sich wie Beton an, sie sind ganz prall, als ob sie kurz vor dem Platzen wären“, versucht die 58-Jährige den Schmerz zu beschreiben. Und: „Manchmal fühlt es sich auch an, als ob eine Horde Ameisen über meine Beine laufen würde.“

Vor zwei Jahren war die Wahl-Frastanzerin bei einer jungen Physiotherapeutin in Behandlung. Diese sprach sie auf ihre dicken Beine und Arme an und die Vermutung aus: „Du hast sicher das Lipödem.“ Das Lipödem ist eine fortschreitende

Erkrankung. Sie ist gekennzeichnet durch die atypische, symmetrische Häufung von Fettgewebe seitlich an den Hüften und Oberschenkeln.

Die mit der Krankheit einhergehenden Schwellungen aufgrund von Einlagerung von Flüssigkeit aus dem Gefäßsystem (Ödem) können mit Schmerzen und Druckempfindlichkeit sowie der Neigung zu blauen Flecken einhergehen. Johanna suchte umgehend einen Arzt auf. Dieser bestätigte den Verdacht der Physiotherapeutin und schickte sie umgehend auf Reha. „Ihm war sofort klar, dass ich an dieser Fettverteilungsstörung leide.“ Endlich die richtige Diagnose gestellt bekommen zu haben, war wie eine Befreiung für Johanna. „Bis dahin hatte ich gedacht, dass es am Essen liegt. Jetzt wusste ich, dass es nicht davon kam und nicht ich schuld bin.“

„Man redet abfällig über uns“

Seit der Diagnose trägt sie ständig Kompressionsstrümpfe. „Durch sie lassen der Druck und der Schmerz etwas nach.“ Aber die Strümpfe sind nicht die Lösung ihres gesundheitlichen Problems. Das wäre vielmehr eine Fettabsaugung. „Bei der Liposuktion werden Fettzellen schonend abgesaugt. Ziel ist, dass der Schmerz weggeht.“ Nach der Operation müsste sie auch keine Kompressionsstrümpfe mehr tragen und würde etwas schlanker sein. Johanna, die derzeit 91 Kilo wiegt und aufgrund der dicken Beine in keine Stiefel passt, würde sich über ein paar Kilo weniger sehr freuen. Denn aus eigener Erfahrung weiß die Frau, die Kleidergröße 44 trägt: „Dicke Menschen werden diskriminiert. Man redet abfällig über sie und schaut sie blöd an.“ Deshalb traut sie sich nicht, im Café ein Stück Kuchen zu essen oder auf der Straße ein Eis zu schlecken. „Das mache ich nur im Urlaub. Im Urlaubsort kennt mich keiner“, sagt Johanna, die auf einmal ganz feuchte Augen bekommen hat. Die arbeitslose Frau und Notstandshilfebezieherin, die einen Behinderungsgrad von 70 Grad hat, muss gerade daran denken, dass liebe Freunde Geld für sie sammeln und ein Spendenkonto eingerichtet haben, damit sie sich der 18.000 Euro teuren Liposuktion unterziehen kann.

„Meine Beine fühlen sich wie Beton an, sie sind ganz prall.“

Spendenkonto: Rallyeclub Klostertal, Kontonr. AT45 3746 1000 0013 4734, Stichwort: Johannas OP