„Wir spüren den Druck“

Vorarlberg / 06.10.2019 • 20:09 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Gernot Brauchle wünscht sich mehr Mittel für die PH Vorarlberg.VN/Lerch
Gernot Brauchle wünscht sich mehr Mittel für die PH Vorarlberg.VN/Lerch

Rektor Gernot Brauchle wünscht sich noch stärkeren Zulauf zur Lehrerausbildung.

Feldkirch Der Lehrermangel in Vorarlberg wird immer dramatischer. Zahlreiche Pädagogen gehen in den kommenden Jahren in Pension. Die Pädagogische Hochschule Vorarlberg soll Junglehrer „produzieren“, wird vielfach gefordert. Über dieses und andere Themen spricht PH-Rektor Gernot Brauchle im VN-Interview.

 

Wie gut ist das neue Studienjahr angelaufen? Sind Sie mit den Studierendenzahlen zufrieden?

Brauchle Ich bin durchaus zufrieden. In der Primarstufe haben wir 60 Studienanfänger, das sind ungefähr zehn mehr als im Vorjahr. Auch in der Sekundarstufe rechne ich mit circa 50 Studenten. Eine genaue Zahl kann ich für diesen Bereich noch nicht angeben, da die Inskriptionsfrist an der Uni Innsbruck noch bis November dauert. Ich denke, dass die Informationsveranstaltungen Früchte gezeigt haben. Eine weitere Steigerung der Studierendenzahlen könnte das Schulsystem künftig trotzdem noch vertragen.

 

Gibt es für die PH Vorarlberg für 2019/2020 eine ganz spezielle Herausforderung?

Brauchle Ja. Wir starten heuer die erste Masterausbildung im Bereich der Primarstufe. Dies ist vor allem wegen der wenigen uns zur Verfügung stehenden Ressourcen eine große Herausforderung. Ich freue mich, dass sich fast alle Absolventen des Bachelorstudiums für das berufsbegleitende Masterstudium angemeldet haben.

 

Immer wieder ist der Lehrermangel Thema. Wie sehr erzeugt das Druck auf die Pädagogische Hochschule?

Brauchle Wir spüren selbstverständlich den Druck und sind enorm bemüht, junge Menschen für den Lehrerberuf zu begeistern. Doch die finanzielle Ausstattung setzt unserer Institution Grenzen. Wir brauchen noch mehr Attraktivität und ein größeres Angebot, um die Studierenden im Land zu halten.

 

Womit wir beim Fächerangebot sind. Derzeit kann man nur vier Fächer in Vorarlberg studieren. Wann kommen weitere hinzu?

Brauchle Gemeinsam mit Landesrätin Barbara Schöbi-Fink hatten wir bereits sehr konstruktive Gespräche mit Bildungsminister Heinz Faßmann geführt, ehe die Regierung platzte. In Wahlkampfzeiten sind Gespräche zu diesem Thema sehr schwierig. Dennoch gehe ich davon aus, dass wir ein weiteres Fach bekommen, und zwar den Gegenstand „Digitale Grundbildung“. Zudem gibt es Gespräche über die Anerkennung des Konservatoriums als Privatuniversität. Sollten die zum Erfolg führen, könnten wir das wichtige Fach Musik in enger Kooperation in Vorarlberg anbieten.

 

Gibt es bei der Zusammensetzung der Studienanfänger heuer irgendwelche Auffälligkeiten?

Brauchle Nein. Die Studierendenzusammensetzung ist ähnlich wie in den letzten Jahren. Es sind überwiegend mehr junge Frauen in der Primarstufe, während in der Sekundarstufe ein gutes Geschlechterverhältnis vorherrscht. Wir haben erfreulich viele Studierende, die Berufsschullehrer werden wollen, einige studieren ein zusätzliches Fach, einige befinden sich im Ein-Fach-Studium Musik.

 

Was kann die PH tun, um mehr Männer zum Volksschullehrerstudium zu bewegen?

Brauchle Wir werden uns bemühen, auf unseren Informationsveranstaltungen gezielt Männer für das Primarstufenstudium anzusprechen.

 

Wie schwer ist es für die PH, immer wieder schnell auf aktuelle Herausforderungen reagieren zu müssen? Beispiel Zentralmatura, Beispiel Deutschförderklassen.

Brauchle Wir bekommen es in der Fortbildung immer wieder relativ spontan mit neuen Herausforderungen zu tun. Da muss ich vor allem meine Mitarbeiter loben. Denen gelingt es immer wieder, schnell auf aktuelle Herausforderungen zu reagieren und Fortbildungsveranstaltungen auf die Beine stellen.

Die Grünen wollen eine Europäische Universität in Vorarlberg gründen. Ein Schwerpunkt soll dabei die Lehrerausbildung sein. Wie sehen Sie diese Ambitionen?

Brauchle Ich war selbst einige Jahre Universitätsprofessor und Institutsleiter an einer Privatuniversität und hatte einen tieferen Einblick in die Schwierigkeiten im Hintergrund. Was die Lehrerausbildung angeht, wäre eine Loslösung aus dem Verbund aufgrund der derzeitigen gesetzlichen Lage nicht möglich und auch nicht wünschenswert.

 

Wie sehr würde ein möglicher Paradigmenwechsel in der Bildungspolitik Ihre Einrichtung beeinflussen?

Brauchle Ich bin seit fünf Jahren Rektor und habe bisher schon vier Minister erlebt. Alle neuen Minister haben im Wesentlichen große neue und wichtige Entwicklungen angeschoben und manche Sachen auch gestoppt. Paradigmenwechsel sind in den letzten Jahren normal geworden. Bei all den spannenden Herausforderungen liegt die Problematik eher in der Finanzierung der Veränderungen.

 

Sind große Projekte für die weitere Zukunft in Planung?

Brauchle Ja. Wir arbeiten derzeit intensiv daran, einen ganz neuen Ausbildungszweig zu etablieren: ein Bachelorstudium Elementarpädagogik. Wenn alles klappt, wird es ab Herbst 2021, zusammen mit der Pädagogischen Hochschule Tirol und der Kirchlichen Pädagogischen Hochschule Edith Stein, ein gemeinsam eingerichtetes Studium am Standort Feldkirch geben.