Monika Helfer

Kommentar

Monika Helfer

Für Mutti

Vorarlberg / 08.10.2019 • 18:44 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Ich hatte in Berlin meine Schwester besucht und für das Frühstück eingekauft, da sah ich eine alte Frau auf dem Trottoir – sie saß auf einem Gartenstuhl. An der Lehne hatten sich bereits die Schnüre gelöst, alles sah ziemlich erbärmlich aus. Die Frau hatte einen Behälter vor sich, der aussah wie der Fressnapf eines Hundes. Um ihren Hals trug sie ein Schildchen, auf dem stand „Mutti“. Ich schaute der Frau kurz ins Gesicht und gab ihr ein frisches Brötchen. Dieses Gesicht ließ mir keine Ruhe, ich kehrte um und warf zwei Euro in den Napf. Sie nickte mit dem Kopf. Das Gesicht sah so rechtschaffen aus, eine Oma vielleicht, der Hartz IV ausgegangen war, schließlich ging es auf das Monatsende zu. Sicher hat sie keine Angehörigen, keinen, der auf sie schaut, Kinder, vielleicht in Übersee oder keine Kinder. Was macht sie im Winter, wenn sie nicht heizen kann?

Meine Schwester kannte die Frau. „Mutti kennt man“, sagte sie. „Die verdient gut. Die macht, dass jeder ein schlechtes Gewissen hat. Sie ist nicht verwahrlost, hat keine Plastiktüten in ihrem Rücken, jeder weiß, es könnte die eigene Mutti sein. Eine Woche vor jedem Monatsende sitzt sie auf ihrem kaputten Gartenstuhl.“

„Kann sich die Fürsorge nicht um sie kümmern?“, fragte ich. „Damit sie sich nicht so zu demütigen braucht.“

Meine Schwester wusste, dass Leute von der Wohlfahrtspflege der Frau schon Hilfe angeboten, sie aber abgelehnt hatte. Die Frau in der Bäckerei wusste das auch. Sie bekam reichlich frische Backwaren geschenkt, die sie am Abend mit nach Hause nahm.

Zur Bäckersfrau hatte sie gesagt, sie habe die Menschen gern und es sei eine schöne Abwechslung für sie, auf der Straße zu sitzen. Vorausgesetzt, das Wetter sei freundlich. Bei Regen blieb sie zu Hause. Im Winter wollte sie auch nicht draußen sein. Sie wolle auf einen Tiefkühler sparen und dann das viele Brot einfrieren, dann hätte sie über die kalte Jahrteszeit genug zu essen. Sie könnte Brotsuppe kochen, Scheiterhaufen von den süßen Stücken, Möglichkeiten gäbe es genug. Einsam sei sie im Winter. Man habe der Frau auch schon angeboten, ihr einen Platz im Altenheim zu geben, das wollte sie nicht. Besonders liebe sie es, den Kindern und den Tieren zuzuschauen. Einmal hatte sie eine asiatische Frau mit zwei Kindern beobachtet, drei und vier Jahre alt. Die Mutter hatte zu der Vierjährigen gesagt, dass sie enttäuscht von ihr sei und dass sie gleich bei Mutti, hier auf der Straße, bleiben könne, sie wolle sie nicht mehr und der Vater wolle sie auch nicht mehr. Das Kind setzte sich neben Mutti auf den Gehsteig und weinte bitterlich, konnte gar nicht mehr aufhören. Die Frau sei mit dem anderen Kind einfach weitergegangen. Da aber sei Mutti aufgesprungen, ihr Stuhl fiel um, und sie hetzte hinter der Frau her, packte sie am Ärmel und schrie, so laut sie konnte: „Schämen Sie sich!“

„Besonders liebe sie es, den Kindern und den Tieren zuzuschauen.“

Monika Helfer

monika.helfer@vn.at

Monika Helfer ist Schriftstellerin und lebt in Hohenems.