Ihre Mutter war Ulrike Meinhof: Bettina Röhl im VN-Interview

Vorarlberg / 11.10.2019 • 08:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Bettina Röhl arbeitet seit vielen Jahren als Journalistin und Autorin. 

Die 57-Jährige hat ihre Familiengeschichte in ein politisches Buch verpackt.

Geraldine Reiner

Schwarzach „Die RAF hat Euch lieb“, schrieb ihr ihre Mutter Ulrike Meinhof aus dem Gefängnis. Denselben Titel trägt ihr neuestes Buch. Heute, Freitag, hält Bettina Röhl auf Einladung des Kulturforums Bregenzerwald einen Vortrag in Schwarzenberg. Den VN gab sie vorab ein Interview.

Sie sagen, Sie wollen mit „Die RAF hat Euch lieb“ der Gesellschaft helfen, über die Mythen RAF, Ulrike Meinhof und der 68er-Bewegung hinwegzukommen. Warum ist das notwendig?

Die 68er haben die Gesellschaft nachhaltig verändert. Heute haben wir andere politische Themen im Fokus, aber die 68er-Denke ist immer noch virulent, auch in den neuen Diskursen um Einwanderung, Bildungspolitik oder bei den Genderfragen. Der Zerfall der Gesellschaften ist 68 vorbereitet worden. Seit fünfzig Jahren durchläuft eine Protestbewegung nach der anderen unsere Gesellschaften, die meisten Menschen identifizieren sich eher mit den kommenden und gehenden Protestmoden als mit ihrem Staat. Die neueste Hysterie der Klimaaktivisten verläuft genau in diesen alten Mustern.

Wen oder was machen Sie für diese Mythenbildungen verantwortlich?

Die sogenannte Westlinke, die in den sechziger Jahren aus Amerika nach Europa kam und zur außerparlamentarischen Opposition und letzten Endes zur 68er-Bewegung führte, hatte immer ein sehr schräges Verhältnis zur Gewalt und zum Protest. Und die Medien sind quotensüchtig auf jede Protestnummer aufgesprungen. Insofern waren 68, die RAF und auch Ulrike Meinhof Medienphänomene, die Breitenwirkung erzeugten. Der teuerste deutsche Spielfilm bis heute ist der Baader-Meinhof-Komplex gewesen, der viele Irrtümer transportierte und das Beispiel zeigt auch, wie tief die Bewegung im Staate selber angekommen ist, denn die Filmförderungsgelder stammten fast ausnahmslos aus öffentlich-rechtlichen Töpfen.

Wann sind Sie zu der Erkenntnis gekommen, dass Ihre Mutter ein „verlogenes Miststück“ ist?

Die Worte „verlogenes Miststück“ habe ich nach dem Lesen einer Korrespondenz meiner Mutter mit einem Anwalt gewählt, in der sie gezielt und für den Leser nachvollziehbar ein Lügengespinst aufbaut, in dem Fall, um ihrem Ex-Mann das Besuchsrecht für ihre Kinder, meine Schwester und mich, zu entziehen. Sie hat sich in der Tat 1970 für Mord als politisches Mittel gegen den Staat entschieden, das ist in einem Text von ihr im „Spiegel“ sehr eindrücklich nachzulesen. Vor allem ist bemerkenswert, dass der „Spiegel“ so etwas damals unkommentiert gedruckt hat. So werden Revolutionäre von ganz oben hoffähig und bekannt gemacht. 

Die 68er-Bewegung bezeichnen Sie als „lustige Sekte, die sehr viele Fehler zu verantworten hat“  . . .

Die 68er sehen sich gerne als Liberalisierungs-, Demokratie- und Emanzipationsbewegung. Die Kröten namens Drogenexzesse, sexueller Missbrauch, Terrorismus und die Phobien gegen Familie, Staat, Naturwissenschaften, Leistung im Allgemeinen, gegen Kapitalismus und Immobilienbesitz werden bei der Aufzählung der Heldentaten gerne weggelassen. Das schlimmste Erbe, das wir von 68 haben, ist ein ganz krasses Schwarz-Weiß-Denken und ein starkes Freund-Feind-Lagerdenken.

Ihre Mutter ließ Sie und Ihre Zwillingsschwester nach der Scheidung absichtlich verwahrlosen und mit sieben Jahren in ein Auffanglager nach Sizilien verschleppen. Sehen Sie sich als Opfer der 68er?

Meine Schwester und ich sind objektiv Opfer einer Verschleppung, die die RAF am Tag ihrer Gründung durchgeführt hat. Auftraggeberin war meine Mutter selbst, wir sollten nicht „in einem bürgerlichen Leben verkommen“, wie es einer der damaligen Protagonisten ausdrückte, sondern als Revolutionäre aufwachsen. Insofern war es ein Glück, dass wir durch den Mut Einzelner, des Lebensgefährten meiner Mutter, Peter Homann, und des Journalisten Stefan Aust, kurz vor der Überbringung in ein palästinensisches Camp gerettet und nach Deutschland zurückgebracht wurden, wo wir dann das so verhasste bürgerliche Leben bei unserem Vater leben durften.

Lesung und Gespräch mit Bettina Röhl: Freitag, 11. Oktober, Hotel Hirschen, Schwarzenberg, 20 Uhr, Eintritt: 10 Euro, ermäßigt 5 Euro.