Wahl-Tag

Vorarlberg / 11.10.2019 • 17:27 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Der Mensch ist ein neugieriges Wesen. Von Geburt an interessieren wir uns für das Neue und Unbekannte. So ist es auch nicht verwunderlich, dass wir uns täglich mit Neuigkeiten, Nachrichten und News überhäufen und viel Zeit in den Timelines von Twitter, Facebook und Co. verbringen.

Neugierig sind viele auch auf den Ausgang der morgigen Wahl. Zwei Wochen nach der Nationalratswahl steht dieses Wochenende mit der Landtagswahl der nächste Urnengang ins Haus. Auch für mich sind Wahlsonntage etwas Besonderes. Denn Wahlen und die Auseinandersetzungen davor sind wie ein Seismograph, der aufzeigt, welche Themen in einer Gesellschaft gerade drängen, welche Konzepte mehrheitsfähig sind und welche Ideen auf offene Ohren stoßen. Ich selber stelle mir vor einer Wahl oft die Frage: Was brennt mir im Moment unter den Nägeln? Welche Anliegen sind wichtig? Wo gibt es politisch Handlungsbedarf, wo braucht es aber auch meinen ganz persönlichen Einsatz?

Die Stimme erheben

Wer wählen geht, so sagt man, gibt seine Stimme ab. Diese Wendung hat aber, wenn man sie einmal genau betrachtet, einen etwas negativen Beigeschmack. Warum soll ich meine Stimme abgeben? Ich bin doch ein mündiger Staatsbürger, kann selber für mich sprechen und für meine Bedürfnisse eintreten. Indem ich an einer Wahl teilnehme, gebe ich meine Stimme eben nicht ab – im Gegenteil: Ich verleihe meiner Stimme Gewicht. Für ein lebendiges demokratisches Miteinander, das auch die Schwachen und Stimmlosen nicht vergisst, ist es unerlässlich, die Stimme zu erheben. Ich bin dankbar, dass es in Vorarlberg viele Menschen und Organisationen gibt, die sich für jene Menschen einsetzen, deren Stimme oft überhört wird.

Einsamkeit

Auch andere Themen stehen im Moment auf der politischen Agenda: Eine große Zukunftsfrage ist für mich etwa das Thema Einsamkeit. Aus vielen Begegnungen und Gesprächen weiß ich, dass Einsamkeit eine schmerzhafte Wirklichkeit im Leben vieler ist. Einsame leiden unter Beziehungslosigkeit, die es verunmöglicht, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Auch aus diesem Grund hat die Caritas der kommenden Regierung einen „Pakt gegen Einsamkeit“ vorgeschlagen. Denn Menschen in Demokratie und Gesellschaft einzubinden, ist ein Grundauftrag der Politik, aber auch eine Aufgabe, die die gesamte Gesellschaft betrifft. Um allen Menschen Hoffnung schenken zu können, müssen Einsamkeit und Ausgrenzung Nächstenliebe, Wertschätzung und Solidarität entgegengehalten werden. Als Mitglieder einer Gesellschaft tragen wir auch Verantwortung füreinander. Ein solidarisches Miteinander macht Mut, stärkt den Zusammenhalt und schenkt Vertrauen in die Zukunft. Im Buch Deuteronomium des Alten Testaments heißt es an einer Stelle: „Siehe, hiermit lege ich dir heute das Leben und das Glück, den Tod und das Unglück vor […]. Wähle also das Leben, damit du lebst, du und deine Nachkommen.“ (30,15.19b) Hier heißt es nicht „morgen“, „übermorgen“ oder „vielleicht später“, sondern „heute“: Jetzt ist der Augenblick, in dem ich gefragt bin. Dieser biblische Satz erinnert uns am morgigen Wahltag daran, dass in gewisser Weise jeder Tag ein Wahltag ist. Wir können uns dafür entscheiden, den Tag freundlich oder missmutig, optimistisch oder pessimistisch, mit einem Gebet oder einem Segen zu beginnen. Wir können den anderen ein Lächeln oder einen finsteren Blick zuwerfen; ihnen Freude machen oder sie vergrämen. All das setzt eine bewusste Entscheidung voraus. Das heißt auch: Vieles im Leben haben wir selbst in der Hand. Wir können gestalten und uns bewusst für oder gegen etwas entscheiden. Seien wir dankbar, dass wir in einer Zeit und in einem Land leben, wo wir mitbestimmen dürfen.

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