Pfarrer Norman Buschauer überlebte eine Messerattacke

Vorarlberg / 14.10.2019 • 19:00 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Norman Buschauer war 21 Jahre alt, als ihn ein psychisch kranker Mann mit einem Messer angriff.

Norman Buschauer leitet seit kurzem die Pfarre Frastanz. Mit den VN sprach der Geistliche über ein dunkles Kapitel in seinem Leben.

Frastanz Vor einigen Wochen griff ein psychisch kranker Mann in Bregenz mehrere Personen mit einem Messer an. Pfarrer Norman Buschauer (63) erfuhr über die Medien von den brutalen Messerattacken. Das erste, was er dachte, war: „Hoffentlich nehmen die Opfer professionelle Hilfe in Anspruch.“

Auch Buschauer wurde einmal Opfer einer Messerattacke. Damals war er 21 Jahre alt und besuchte die Pädak. Er war gerade am Lernen, als ein junger Mann sich Zutritt in sein Elternhaus verschaffte und ihn mit den Worten niederstach: „Dein Papa hat mich auf dem Gewissen. Jetzt kommst du dran.“ Es war der Racheakt eines psychisch kranken Mannes, der einige Jahre vorher von Buschauers Vater gekündigt worden war. Zunächst dachte der angehende Volksschullehrer, dass er niedergeschlagen worden wäre. Doch dann sah er das blutige Stilett in der Hand des Angreifers.

Ein markerschütternder Schrei

Buschauers Schrei war derart markerschütternd, dass der Arzt in der Nachbarschaft sofort wusste, dass etwas Schreckliches passiert sein musste. Der Doktor überlegte nicht lange, griff zum Arztkoffer und eilte ins Haus der Nachbarn. Dort sah er den Sohn der Buschauers blutüberströmt am Boden liegen. Nach der Erstversorgung wurde der lebensgefährlich verletzte Mann ins Spital gebracht und dort notoperiert. Nach einer Woche auf der Intensivstation war die Lebensgefahr gebannt. Noch im Krankenhaus überwältigten ihn Gefühle der Dankbarkeit. „Ich war immens froh, dass ich überlebt habe.“ Rückblickend ist er überzeugt: „Gott hat mir geholfen, gesund zu werden. Er gab mir die Kraft dazu.“ Überhaupt ist er der Meinung, dass Gott jeden Menschen durch Notsituationen begleitet. „Ich jedenfalls habe mich in leidvollen Zeiten nie allein, sondern immer von Gott gehalten und begleitet gefühlt.“

„Wenn das Böse nicht existieren würde, wüssten wir nicht, was gut ist.“

Norman Buschauer, Verbrechensopfer

Derart konfrontiert mit dem Bösen, machte sich Buschauer schon früh Gedanken über die Schöpfung und deren Polarität. „Damit wir etwas erfassen können, brauchen wir Gegensatzpaare. Wenn das Böse nicht existieren würde, wüssten wir nicht, was gut ist.“ Alles lasse sich nur im Kontrast definieren: Heiß nur, wenn es auch Kalt gibt, keine Armut ohne Reichtum, kein Tag ohne Nacht. Von daher versteht der Priester, dass das Böse seine Berechtigung hat. Dennoch: „Dass der Mann gerade auf mich losging, war nicht nett.“ Buschauer konnte seinem Angreifer nicht gleich vergeben. „Aber irgendwann war der Punkt da, an dem er mir leidtat. Er war in einer ausweglosen Situation und hätte professionelle Hilfe gebraucht.“ Laut dem Seelsorger ist der Mann inzwischen verstorben. „Er fiel von einem Strommast.“

Obwohl Buschauer nach der Tat nicht psychologisch betreut wurde, hat er das Ereignis gut verarbeitet. „Es kommt bei mir nichts hoch, wenn ich von einer Messerattacke höre.“ Nur eines mag er nicht: Wenn ihm ein Fremder zu nahe kommt. „Dann kann es sein, dass ich ihn wegstoße.“ Dass er diesen Teil seines Lebens so gut überstand, führt er unter anderem auf seine Lebensfreude zurück. „Gott sei Dank hat mir der Herrgott Optimismus und Lebenslust geschenkt. Nach dem Angriff war ich jedenfalls nicht weniger lebensfroh als vorher.“

„Ich darf für Menschen da sein“

Die Daseinsfreude kam ihm auch später nicht abhanden, als ihn das Leben mit weiteren, schwierigen Situationen konfrontierte. Als es zum Beispiel darum ging, sich für oder gegen das Priesteramt zu entscheiden, rang der Theologiestudent eine Weile mit sich. Als Ministrant und Jungschar-Gruppenleiter hatte er von der Kirche ein positives Bild gewonnen. „Für mich ist Kirche und Glaube immer etwas gewesen, das mir Kraft und Mut zum Leben gegeben hat.“ Kirche steht für ihn für das Volk Gottes und nicht für den Papst oder die Bischöfe. Die Vorstellung, von einem Bischof geweiht zu werden, der ein sehr strenges Kirchenbild vertrat, behagte dem modernen und offenen Priesteranwärter ganz und gar nicht. Aber weil er Geistliche kennengelernt hatte, die ihm Vorbilder waren, entschied er sich dann doch für diesen Weg. Er stellte sich als goldrichtig heraus. Denn der 63-Jährige hat es noch keine Sekunde bereut, dass er Seelsorger geworden ist. „Das Schönste an diesem Beruf  ist, dass ich für Menschen da sein darf, dass ich sie auf ihrem Lebens- und Glaubensweg begleiten darf.“ Mit der Übernahme der Pfarre Frastanz im heurigen September schließt sich für ihn ein Kreis. In der Walgaugemeinde war er nach der Priesterweihe vier Jahre als Kaplan tätig. Für Buschauer fühlt es sich an, „als ob ich nie weg gewesen wäre“.