Schweizer geben Wölfe zum Abschuss frei

Vorarlberg / 14.10.2019 • 20:16 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
In Graubünden wurden vier Wölfe zum Abschuss freigegeben. dpa
In Graubünden wurden vier Wölfe zum Abschuss freigegeben. dpa

Experte David Gerke: Großräuber kommen nach Vorarlberg.

Chur, Schwarzach Der Schweizer Kanton Graubünden setzt scharfe Maßnahmen gegen verhaltens­auffällige Wölfe. Vor kurzem wurde ein Antrag des Kantons auf Abschuss von vier Jungwölfen vom Bundesamt für Umwelt genehmigt. Zwei der Tiere wurden bereits erlegt, nach den anderen zwei wird gesucht.

Die Großräuber entstammen einem Rudel, das mindestens 15 Ziegen aus geschützten Herden gerissen hat. Wenn Wölfe solche durch Absperrungen und andere Maßnahmen geschützte Nutztiere reißen, ist eine rote Linie überschritten. Dann kann ein Antrag des Kantons auf Abschuss bestimmter Wölfe gestellt werden.

M 92 war der „Reisser“

In Graubünden war das Rudel im Juli und im August aktiv. DNA-Proben hatten das männliche Elterntier M 92 als Verursacher identifiziert. Dennoch darf dieses aufgrund geltender Gesetze nicht geschossen werden, obwohl M 92 bereits im Vorjahr eine große Anzahl von Schafen auf der Stutzalp oberhalb Splügen gerissen hatte. „Wir bedauern diese Abschüsse natürlich sehr, aber sie sind gesetzeskonform“, kommentiert David Gerke (34), Vorsitzender der „Gruppe Wolf Schweiz“, die Maßnahmen. „Die Wölfe, die jetzt geschossen wurden bzw. noch werden sollen, waren zur Zeit der Risse noch Babywölfe. Einen Abschreckungseffekt auf die anderen Mitglieder des Rudels hätten die Abschüsse vielleicht dann, wenn sie während eines Angriffs auf eine geschützte Nutztierherde erfolgten. Aber so etwas kommt ja praktisch nie vor“, erklärt Gerke.

Kooperation in Graubünden

„Anträge auf Abschuss von Wölfen hat es im Kanton Graubünden bisher drei Mal gegeben. Zwei Mal gegen Einzelwölfe, einmal gegen Tiere in einem Rudel“, weiß Adrian Arquint, Leiter des Amtes für Jagd und Fischerei im Kanton Graubünden. „Glücklicherweise sind solche Anträge bei uns nicht alltäglich“, ergänzt der Beamte. Die Wolfspopulation habe in letzter Zeit stark zugenommen. „Wenn sie weiter zunimmt, werden natürlich auch die Probleme zunehmen“, macht sich Arquint keine Illusionen.

Bisher klappt die Verständigung der verschiedenen Interessengruppen beim Wolfsmanagement im Kanton relativ gut. „Der Kanton Graubünden hält sich an die geltenden Gesetze. Das ist nicht überall so“, sagt Gerke als Sprecher jener Organisation, die den Wolf schützen will, wo immer es geht.

Vorteile eines Rudels

Dass Wölfe aus einem Rudel herausgeschossen werden, könnte sich laut Gerke auch kontraproduktiv auswirken. „Damit wird die Zahl gerissener Nutztiere nicht weniger werden. Wo Rudel vorhanden sind, werden weniger Risse gemeldet. Also gehen mehr Risse auf das Konto von Einzelwölfen. Das kann natürlich auch damit zu tun haben, dass in Gebieten mit Rudeln die Schutzmaßnahmen besser ausgebaut sind und die Tiere daher nur Wild töten“, mutmaßt der Experte. In der Schweiz gibt es derzeit zwischen 60 und 80 Wölfe und acht Rudel. „Die Wolfspopulation wird weiter wachsen, und die Wolfspräsenz wird auch in Vorarlberg stark zunehmen“, ist sich Gerke sicher.

„Die zum Abschuss freigegebenen Wölfe waren zur Zeit der Risse noch Babys.“