Elektronische Schließsysteme sind vielen Pflegeheimen zu teuer

Vorarlberg / 15.10.2019 • 08:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Diese Transponder fungieren wie ein „Sesam öffne dich“. VN/MM

IfS-Bewohnervertreter kritisiert Mangel an Privatsphäre auch bei dementen Menschen.

Nenzing Mehr als einmal musste im alten Pflegeheim nach vermissten Bewohnern gesucht werden. „In einem Fall alarmierten wir deswegen sogar die Bergrettung“, erzählt Dieter Visintainer vom Haus Nenzing. Dabei waren die vermeintlich Abgängigen, vor allem Menschen mit Demenz, gar nicht weit weg, sondern einfach in ein anderes Zimmer gegangen und hatten sich dort ins Bett gelegt. Was für Außenstehende für Erheiterung sorgen mag, führte bei den Heiminsassen und beim Pflegepersonal immer wieder zu Stresssituationen. Das Eindringen in die Privatsphäre schürte Aggressionen, es kam zu unguten Reibereien. Als ein Heimneubau anstand, wurde nach einer Lösung für dieses Problem gesucht und schließlich auch gefunden.

Beruhigende Gewissheit

Es handelt sich um einen Mechanismus, der mittels Transponder funktioniert. Eine Berührung des Türdrückers genügt, und die Türe erkennt, ob die Person zutrittsberechtigt ist oder nicht. Von innen lässt sich die Türe hingegen immer öffnen. „Der Einbau des Systems verursachte zwar Mehrkosten, aber die Vorteile sind unbezahlbar“, kann der Heimleiter aus mittlerweile fünfjähriger Erfahrung bestätigen. Alle Bewohner und Beschäftigten sind mit einem Transponder ausgerüstet. Er kann in der Tasche eines Kleidungsstücks, am Rollator oder Rollstuhl, am Arm oder um den Hals getragen werden. Die umständliche Suche nach dem Zimmerschlüssel entfällt. Die Hände bleiben für andere Dinge frei. „Wichtig ist, dass die Bewohner die Gewissheit haben, dass nur sie und Mitarbeiter Zugang zum Zimmer haben“, erklärt Dieter Visintainer. Der Transponder nutzt die natürliche Elektrostatik des Körpers, um die Zutrittsrechte zum Türdrücker zu übertragen. Für den Notfall verfügen die Zimmer zwar über normale Zylinderschlösser, doch das System funktioniert laut Visintainer problemlos. Lediglich das Wechseln der Batterien ist von Zeit zu Zeit erforderlich.

Wohnbereiche versperrt

Seit etwa fünf Jahren sind elektronische Türschließsysteme zumindest in neuen Pflegeheimen Standard. Bei den übrigen 47 bewegt sich zum Leidwesen von Herbert Spiehs von der Bewohnervertretung des Instituts für Sozialdienste (IfS) in dieser Sache nichts. Auch mit den juristischen Möglichkeiten des Heimaufenthaltsgesetzes konnte laut Spiehs bislang keine zufriedenstellende Lösung erreicht werden. Dabei ist die Bewohnervertretung immer wieder mit der Thematik konfrontiert. „In den vergangenen drei Jahren ist es in zwei Pflegeheimen vorgekommen, dass ganze Wohnbereiche versperrt wurden, mit dem Hinweis, von dementen Mitbewohnern gehe eine Gefährdung aus“, berichtet Spiehs. Im Rahmen seiner Tätigkeit als Bewohnervertreter ließ er die Situationen gerichtlich prüfen. In allen Fällen wurde festgestellt, dass diese Form der Freiheitsbeschränkung unzulässig ist. „Zudem lag meistens keine ernstliche und erhebliche Gefährdung, sondern nur eine Belästigung vor“, begründet Herbert Spiehs. Das Ergebnis sah dann so aus: Die Freiheitsbeschränkungen wurden wieder aufgehoben, die Türen nicht mehr versperrt, das grundlegende Problem aber dadurch nicht gelöst. „Auch nicht entscheidungsfähige Bewohner sollten in ihrem Zimmer einen Rückzugsraum haben, der nicht von unbefugten Personen betreten werden kann, den sie aber jederzeit selber verlassen können“, meint Herbert Spiehs.

Nachrüstung nicht genehmigt

Sein Hinweis, dass es zuverlässige und schonendere Alternativen gäbe, nämlich elektronische Schließsysteme für Menschen mit Demenz, versandete. Offenbar schreckten die Kosten für das Nachrüsten von 1000 Euro pro Zimmertür ab, denn bis dato wurde laut Spiehs in keinem einzigen Pflegeheim etwas unternommen. In einem Fall habe der Geschäftsführer eines Pflegeheims die Nachrüstung budgetiert, die Ausgabe sei jedoch vom Rechtsträger nicht genehmigt worden. „Für mich völlig unverständlich, weil mit einer überschaubaren Einmalinvestition ein großes Strukturproblem gelöst und die Betreuung verbessert werden könnte“, nennt der Bewohnervertreter die Kostenfrage ein billiges Argument.